Ein beinahe weihevoller Hauch ging durch die Herzen, und als die Sängerin geendigt hatte, und eine augenblickliche Stille mehr als lauter Beifall redete, erhob sich der junge Kapuziner und sagte halblaut:
»Das wird mir in der Seele bleiben! Nun muß ich gehen!«
»Ich begleite Sie, Frater Severin,« rief Stahl, der gleichfalls aufstand. Er fand mit seiner gewandten Manier einige verbindliche Worte für Therese, die ihm, wie dem jungen Mönche die Hand zum Abschiede reichte; die Rechte des letzteren zitterte leise in der warmen, weichen Hand des Mädchens. Der Professor selbst begleitete seine jungen Gäste hinaus und entließ sie mit freundlichem Worte, dann kehrte er zu den andern zurück, welche jetzt an dem Mitteltische saßen.
»Ein junger Hitzkopf!« sagte er lächelnd mit Bezug auf Stahl – »aber es ist gute Rasse. Nur meine ich, er hätte besser zum Künstler, vielleicht auch zum Soldaten gepaßt, als zum Theologen.«
Der Adjunkt bestätigte dies insofern, indem er den Vorgang im Seminar erzählte, bei welchem der junge Theologe sein nationales Bewußtsein so entschieden zum Ausdruck gebracht hatte.
Ueber das Gesicht Holberts zog ein leiser Schatten; er sagte:
»Das ist bezeichnend für unsere ganzen Verhältnisse. Die nationale Erregung ist auf beiden Seiten im Steigen und dürfte noch wunderliche Blüten treiben. Die Tschechen haben sich allmählich in einen Größenwahn hineingelebt, der sie Anstand, Gerechtigkeit und ernstes Streben ganz vergessen läßt. Daß der Ton ihrer Blätter sein Echo selbst unter der jungen Priesterschaft findet, ist höchst bedauerlich, und es kommt vielleicht bald die Zeit, da in der Prager Diözese ein Mangel an deutschen Priestern eintritt. Und wenn erst auf deutschem Boden tschechische Geistliche amtieren, die Huß mehr verehren als die Apostel, und die ihre Stellung anstatt zu friedfertigem Wirken zu nationalen Gehässigkeiten ausnützen werden, wird man seitens der Staatsgewalt wie seitens des Konsistoriums vielleicht zu spät beklagen, daß man nicht bei Zeiten diesem Treiben ein Ende gemacht hat. Das ist ein unerquickliches Thema, lassen Sie uns auf einen anderen Boden zurückkehren. Wie weit sind Sie mit Ihren Rigorosen, Herr Adjunkt?«
»Ich hoffe noch vor Ostern den Doktorgrad zu erlangen,« sagte Frohwalt.
»Das freut mich – an Ihnen gewinnt die Hochschule und vor allem die theologische Fakultät eine Zierde.«