Der Adjunkt suchte das Lob bescheiden abzuwehren, aber der Professor fuhr fort:
»Ich will Ihnen keine Schmeichelei sagen, aber ich wünsche im Interesse der Sache, daß es so werden möge. Denn die Zustände an Ihrer Fakultät sind nicht erfreulich. Ich habe keine Ursache, mich darüber auszuschweigen, und habe auch vor maßgebenden Persönlichkeiten darüber gesprochen. Sie haben ja selbst erfahren, in welcher Weise die Hörer der Theologie gedrillt werden, und wie es dabei auf leeren Gedächtniskram in der Hauptsache hinausläuft: Gemüt und Geist bekommt dabei herzlich wenig ab. Das sind doch wahrlich nicht frische, freie Studenten, welche hier vor dem Katheder sitzen, sondern ganz armselige Schuljungen in der Kutte, welche auf die Worte des Lehrers schwören. Und wenn nur die Lehrer immer noch darnach wären! Ich schätze einige Herren Ihrer Fakultät sehr hoch, sie haben als Männer der Wissenschaft ihre Verdienste, aber wirklich bedeutende Gelehrte sind doch hier eine Seltenheit. Denn während die Professoren anderer Fakultäten und Hochschulen durch Herausgabe von Werken der Wissenschaft zu nützen bemüht sind, zeigt die Liste unserer theologischen Fakultät im wesentlichen – nur Namen!«
Auf Frohwalts Gesicht stand eine hellere Röte. Er sagte mit einigermaßen verschleierter Stimme – die Anwesenheit Hallers schien ihm dabei Unbehagen zu machen:
»Sie haben ja völlig recht, aber es ist nicht abzusehen, wie das sich ändern soll.«
»So lange man nicht ein anderes System bei Berufungen einführt, weiß ich es auch nicht. Wer als Seminarist das Rädchen des Gedächtnisses am besten schnurren ließ, sich hübsch fügen und schmiegen konnte und sonstige nicht gerade zu wissenschaftlicher Bedeutung notwendige Eigenschaften besaß, so daß er es vielleicht zum Präfekten unter den Alumnen gebracht hat, der wird, wenn er sonst gut paßt, Adjunkt, und nun klettert er sachte an der Leiter der akademischen Würden in die Höhe und – wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, das ist ja ein altes, bekanntes Sprichwort. Ein Deutscher hat übrigens seltener das Glück, zu solcher Laufbahn zu kommen, und das spricht bereits für Sie – abgesehen davon, daß ich Sie aus Ihren litterarischen Arbeiten aufrichtig hochschätze. Aber – nehmen Sie mir meine freimütige Aussprache nicht übel … mir thut das Herz weh, wenn ich an diese Verhältnisse denke … Therese, singe uns noch ein Lied, damit wir auf andere Gedanken kommen!«
Das Mädchen hatte schweigend dagesessen, und Dr. Haller hatte nach seiner Gewohnheit in einem Buche geblättert; um seine Lippen lag ein leiser Zug des Spottes. Therese erhob sich und ging an das Instrument, und wieder klangen die Töne der weichen Altstimme mild und freundlich durch den traulichen Raum.
Indessen waren auf der Gasse draußen Severin und Stahl langsam gegen den Pořič hingegangen. Der Wind hatte sich gelegt, aber die Flocken spielten dicht durch einander, so daß die Gasflammen beinahe verschleiert erschienen und nur einen matten Schimmer ausgossen. Der Verkehr war geringer geworden, und es herrschte in der sonst belebten Straße ziemliche Ruhe. Hans Stahl aber sagte:
»Ein unausstehlicher Bengel, dieser Haller, mit seinem Alles-Besser-Wissen-Wollen. Es ist geradezu empörend, wie jeder Laffe gerade uns Theologen meint über die Achseln ansehen zu dürfen, und dabei sind wir die erste und angesehenste Fakultät. Und wissen Sie, Severin, was mich am meisten wurmt? – Daß dieser aufgeblasene Aeskulap, an dem seine hübsche Larve zweifellos das Beste ist, das schöne Mädchen, die Therese, heiraten will. Sie können sich darauf verlassen, ich habe beobachtet, wie er mit ihr verkehrte!«
Der junge Kapuziner war froh, daß es dunkel war, und daß sein Begleiter die Röte nicht gewahren konnte, welche ihm in das Gesicht stieg; die kühlen Schneeflocken, die an seine Wange flogen, thaten ihm wohl. Er erwiderte:
»Daß er sie nehmen möchte, glaube ich wohl, aber ob auch ihrerseits das Entgegenkommen erwidert wird – –«