Hans Stahl pfiff halblaut durch seine Zähne.

»Lieber Frater Severin, Sie sind kein Menschenkenner oder wenigstens kein Mädchenkenner. Der Mensch ist etwas, hat etwas, weiß etwas aus sich zu machen und sieht auch wirklich nach etwas aus. Das besticht Mädchen, selbst von viel geringeren Eigenschaften, als Therese Holbert, aber, hol's der Henker, wenn ich nicht Theologe wäre, ich stellte dem Burschen ein Bein, ehe es so weit käme, daß sie ihr Jawort giebt.«

Der junge Kapuziner fühlte neuerdings etwas wie ein Erschrecken und wußte wenig zu solchen Aeußerungen zu sagen. Er war eigentlich froh, als er an der Pforte von St. Joseph stand und hier die Glocke zog. Hans Stahl drückte ihm warm die Hand und stapfte dann mit heraufgeschlagenem Rockkragen auf dem beschneiten Wege durch die Zeltnergasse zurück, dem Altmarkte und der Karlsbrücke zu. Bei der Wohnung Professor Holberts sah er einen Augenblick hinauf zu den erleuchteten Fenstern und an seinen Ohren klang das Lied:

Es waren zwei Königskinder …
Die konnten zusammen nicht kommen …

Severin aber hatte seine Zelle betreten; er hatte noch eine Viertelstunde Zeit bis zum Abendessen, und so setzte er sich im Dunkeln auf sein Bett. Das Zimmer war kalt, und obwohl er den Schnee von seiner Kutte abgeschüttelt hatte, empfand er doch ein feuchtes Frösteln. Durch das Fenster fiel nur ein ganz matter Schimmer, und der schien von einem einzigen Stern zu kommen, der von hier aus zwischen grauem Gewölke sichtbar war. Severin wußte selber nicht, warum er bei dem glänzenden Punkte, der wie ein freundliches Auge herblinzelte, an Therese denken mußte, und dasselbe alte Volkslied, das Hans Stahl wieder zu hören vermeinte, klang auch ihm in der Seele:

Sie konnten zusammen nicht kommen …

Als die Glocke zur Abendmahlzeit rief, schrak er zusammen, als wäre er auf unrechtem Wege ertappt worden, und langsam ging er nach dem Refektorium. Hier war eine angenehme Wärme und trauliches Licht, ein Behagen, das ihn stets an Winterabenden angeheimelt hatte, aber er war schweigsamer als sonst, seine Erinnerung haftete an dem wohnlichen, vornehmen Salon und an den Menschen, mit denen er dort verkehrt hatte. Nach dem Abendbrot spielte er, wie es Brauch war, mit den Brüdern noch ein Kartenspiel, aber er war zerstreut und mußte sich darob manchen scherzhaften Vorwurf gefallen lassen. Früher als sonst ging er, unter dem Vorwande, daß er sich abgespannt fühle von der ungewohnten Gesellschaft, nach seiner kalten Zelle zurück. Er brannte seine Lampe an und wollte, sich in seine Bettdecke hüllend, lesen, aber er schweifte in seinen Gedanken immer wieder von der Kirchengeschichte ab.

Zum ersten Male in seinem Leben hatte der schlichte Mönch, der aus ärmlichen Verhältnissen hervorgewachsen war und nichts von dem Glanz und der gefälligen Außenseite der Welt wußte, den Schritt in diese gesetzt, und er bezahlte das mit einer nie gekannten Unruhe. Er schloß die Augen und sah dann sofort wieder den vornehmen Raum vor sich und das Mädchen im hellen Gewande am Instrument, und seine Seele schien sich in der Erinnerung noch immer festzusaugen an den Tönen der vollen, weichen Altstimme.

Severin faltete die Hände heiß in einander und hielt zwischen ihnen die derben Knoten seines Gürtelstricks so fest, daß es ihn beinahe schmerzte; aber er wünschte sich körperlichen Schmerz. Immer zitterte in seiner Brust das Lied von den zwei Königskindern mit seiner einfachen, bestrickenden Melodie, und er suchte in seinem Gedächtnis umsonst nach jener anderen, Mendelssohnschen Weise, die mit ihrer frommen Innigkeit ihn so tief ergriffen hatte.

Er war aufgestanden, ging in dem kleinen Raum hin und wieder und blieb endlich am Fenster stehen. Das Schneetreiben hatte aufgehört, der Himmel war klar geworden, und heller noch als vordem schien der bläuliche Stern herabzuwinken, wie ein himmlisch-tröstendes Licht. Und in diesem Augenblicke fand der junge Mensch das Wort, welches er gesucht hatte: