»Herr, zu Dir will ich mich retten …
Will in Deinen Schooß mich betten,
Wund und müd' von argen Ketten,
Die meine schwache Seele trägt.«
Am liebsten wäre er jetzt nach der Orgel gegangen, aber das war nicht möglich, und so sank er auf dem harten, rohen Betschemel vor dem schlichten, geschnitzten Kreuzbilde auf die Kniee, senkte den Kopf tief in die Hände und betete lange.
Dann verlöschte er die Lampe und legte sich, angethan mit seinem Ordensgewande, nieder. Er schlief auch ein, aber in seinen Traum hinein klangen süße Mädchenlieder. – –
Die Orgelstunden waren im Laufe des Winters, wenn die Temperatur in der ungeheizten Kirche gar zu niedrig erschien, wiederholt ausgefallen, und mit einer gewissen Aufregung, wie er sie nie zuvor bei diesem Anlasse empfunden hatte, sah Severin dem Mittwoch entgegen, ob das Wetter wohl ein Kommen seiner Schülerin ermöglichen würde. Der Morgen brach herrlich an, und der Tag hielt, was jener verheißen hatte. Die Stunden selbst fanden unmittelbar nach Mittag statt, und Therese erschien auch diesmal.
Sie trug ein mit braunem Pelzwerk verbrämtes Jäckchen über dem dunklen Wollkleide, ein entsprechendes Pelzmützchen, unter dem ihr frisches Gesicht mit den hellen, freundlichen Augen munter hervorlachte, und grüßte liebenswürdig wie immer ihren jungen Lehrmeister. Dieser aber war heute befangener als sonst, und weniger bei dem Spiele selbst als bei seiner Schülerin, so sehr er sich auch zwang, seine Aufmerksamkeit auf ersteres zu konzentrieren.
Sie spielte eine Variation über ein Thema von Sebastian Bach, und dem jungen Mönche war es, als höre er dieselbe zum ersten Male, und als sehe er auch dabei zum ersten Male diese feinen, schlanken Finger, welche kraftvoll und gewandt die Tasten beherrschten, und die zierlichen kleinen Füße, welche das Pedal traten. Nur wie im Traume kam es ihm vor, daß er ab und zu einige Worte der Erläuterung spreche, ein oder das andere Register ziehe oder selbst in die Tastatur greife. Bei dem letzteren war es ihm geschehen, daß er die kühle, weiße Hand berührte, und es durchzuckte ihn plötzlich wie mit einem heißeren Empfinden.
Er stand hinter dem Mädchen, aber er heftete seine Augen nicht mehr auf die Noten, sondern hielt sie auf das Haupt mit den weichen, braunen Flechten gewendet, von welchen ein feiner, berückender Duft auszugehen schien. Aus dem Pelzjäckchen hob sich anmutig der blütenweiße Hals ab mit einem ganz feinen schwarzen Schnürchen, das seine Helle noch mehr hervortreten ließ, die zarten Ohrmuscheln waren leicht rötlich angehaucht, und die kleinen Perlen darin blinkten. Auf der Orgelbank lag neben dem Mädchen ihr Mardermuff, und Severin fühlte, wie es seine Hand nach diesem hinzog, immer mehr, bis sie auf dem kühlen Pelzwerk lag und leise kosend darüber glitt. Er empfand ein unsägliches Wonnegefühl dabei, und als er gar die Oeffnung des Muffes fand, wo die Hand Theresens geruht haben mußte, war er heftiger erregt. Er sah nur wie durch einen völligen Schleier die hüpfenden Punkte der Noten, die weißen Finger auf den weißen Tasten, den zierlichen Kopf und beugte sich immer mehr vor.
O, wenn er nur eine Sekunde lang dies glänzende Haar berühren – nein, wenn er nur mit seinen Lippen das Pelzwerk ihres Gewandes streifen dürfte! Therese ahnte nichts von der heftigen Gemütsbewegung Severins. Ganz versunken in ihrem künstlerischen Thun fühlte sie auch nicht den heißen Atem, der ihr Haupt umspielte, kraftvoller faßten ihre Hände in die Tasten, ein Meer von Tönen wogte und brauste durch die hallende, leere Kirche und durch das Herz des jungen Mönchs … und nun hatte er sich niedergebeugt, und nur einen Pulsschlag lang berührte sein Mund das Gewand des Mädchens.