… und nun hatte er sich niedergebeugt, und nur einen Pulsschlag lang berührte sein Mund das Gewand des Mädchens (S. 135).
Es war, als stocke ihm der Herzschlag … mit einem machtvollen Akkorde klang die Variation aus, und Therese wandte sich um. Sie sah in ein gerötetes Gesicht, in flimmernde Augen und hatte doch keine Ahnung, was in dem jungen Bruder in diesem Augenblicke vorgehe; sie vermeinte, das Musikstück habe ihn so gewaltig ergriffen. Aber sie stand auf, sah nach ihrer Uhr, und da sie fand, daß die Zeit abgelaufen, zog sie langsam ihre Handschuhe an und machte sich zum Fortgehen fertig.
»Nun, Sie sagen mir ja heute gar nichts über mein Spiel?« fragte sie halb scherzend, und er zwang sich zu dem Worte:
»Es war herrlich … ich kann Sie nichts mehr lehren!«
»O, sagen Sie nicht so! Das nächste Mal spielen Sie mir die Variationen vor, damit ich höre, wie viel mir noch fehlt!«
»Ja, ja – das nächste Mal!« stammelte er, indem er sie bis an die Thür des Chors begleitete.
Keines von beiden aber hatte bemerkt, daß der Guardian während der letzten Viertelstunde unbemerkt auf dem Chore gewesen war und sich erst entfernt hatte, als sich Therese erhob.
Severin wankte in seine Zelle; er hatte das Bewußtsein einer ungeheuren Schuld, die ihn fast zu erdrücken drohte. Er griff nach seinem Brevier, und, über sein Betpult gebeugt, murmelte er die Bußpsalmen des königlichen Sängers David, vor allem das ergreifende: Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam! (Erbarme Dich meiner, o Herr, nach Deiner großen Barmherzigkeit!)
Er wurde ruhiger im Gebete, aber er wußte, daß die Erkenntnis der Schuld noch nicht ausreiche, und daß er sich demütigen müsse auch im Bekenntnis derselben. Darum schritt er langsam, aber festen Fußes nach der Zelle des Guardians. Der alte Priester sah ihn verwundert an, und unter seinem milden Blicke fühlte Severin, wie er errötete; er bat, ob er ihm beichten dürfe.
Der Guardian bejahte und ließ sich, nachdem er die Zelle von innen verschlossen, auf einem alten Lehnstuhle am Fenster nieder; der junge Mönch aber hatte einen Fußschemel herbeigeholt; auf diesem kniete er zur Seite des anderen demütig nieder, und mit halblauter Stimme berichtete er den Vorgang auf dem Chore. Als er zu Ende war, that er einen tiefen Atemzug, dann fügte er die übliche Formel von seiner Bereitwilligkeit, zu büßen, sowie die Bitte um Absolution bei.