Das war ein bitterer Tropfen für Peter Frohwalt, der ihm nun thatsächlich Unbehagen schaffte; aber die Sache war nicht zu ändern, und zuletzt wäre es doch mehr als seltsam gewesen, wenn der Doktorand der Theologie eine Abtrünnige eingeladen hätte.
Am Morgen des Promotionstages fuhr er in einem Fiaker bei dem Gasthause vor, in welchem seine Mutter wohnte, und holte die alte Frau ab, welche aus Stolz und Ergriffenheit an diesem Vormittage nicht herauskam. Peter Frohwalt trug über der Klerik heute einen mit Seide ausgeschlagenen Talar, den er über den linken Arm gelegt hatte, und seine Erscheinung war auffallend schön und vornehm, so daß, als er mit der schlichten Frau die Stufen im Carolinum hinaufstieg, alle, die ihn sahen, ihm nachschauten. Er führte seine Mutter in dem kleinen Saal zu einem Sitze in der vordersten Reihe der hier befindlichen Stühle und ging in ein Nebengemach um dort zu harren, bis er gerufen wurde.
Der Saal hatte sich beinahe völlig gefüllt, als er wieder eintrat. Auf erhöhtem Platze saßen die Würdenträger der alten Carl-Ferdinands-Universität um den Rektor gereiht, angethan mit den goldenen Ketten, außerdem zahlreiche Doktoren der Theologie, die ihr Recht auf einen Sitz in diesem Kollegium heute ausübten, und tiefer stand der Oberpedell, sowie der Pedell der theologischen Fakultät in ihren altertümlichen Gewändern; der erstere hielt das Universitätsszepter, bei dem nachher der Eid geleistet werden mußte, in der Rechten.
Die Feierlichkeit verlief in der gewohnten Weise. Peter Frohwalt neigte das Haupt, empfing die goldene Kette und den Doktorring, und, so geschmückt, sprach er in lateinischen wohlgesetzten Worten die übliche Danksagung. Seine Mutter verstand nicht, was er sagte, aber der volle, wohlklingende Ton der Stimme, die ganze Erscheinung ihres Sohnes, auf dessen Brust das Ehrenkleinod hell aufblinkte von dem dunklen Grunde der Klerik, hatten etwas überwältigendes, so daß sie in ihr Taschentuch hineinschluchzte in Wonne, Seligkeit und Wehmut zugleich, denn sie mußte in diesem Augenblicke wieder ihres verstorbenen Mannes und – ihrer Tochter denken.
Als der Rektor und die anderen Herren vortraten, um sie zu beglückwünschen, vermochte sie nur durch ein Neigen des Hauptes und durch den Druck der Hand zu danken, und sie war unendlich froh, als sie wieder mit ihrem Sohne allein in dem geschlossenen Wagen saß und durch die belebte Straße hinfuhr.
»Es wäre doch schön gewesen, wenn Marie das hätte mit ansehen dürfen.«
Das war ihr erstes Wort, und der junge Doktor fühlte, wie sich abermals ein Hauch des Unbehagens über seine Seele legte, als empfände er das Bewußtsein einer Schuld. Er antwortete darauf nicht, sondern machte seine Mutter auf einen Vorgang auf der Straße aufmerksam. Den ganzen übrigen Tag war er mit ihr beisammen, zeigte ihr die reichen Sehenswürdigkeiten Prags, und erst am Abend verließ er sie in ihrem Gasthause. Er aber schritt langsam nach dem Seminar.
In der Stille seines Zimmers ließ er die Ehren des heutigen Tages noch einmal an sich vorübergehen, und die Brust hob sich ihm von einem freudigen Stolze. Aber mitten in dieser Stimmung trat ihm mit einem Male wieder das Bild der Schwester vor die Seele und schien ihn mit freundlichen Augen traurig anzublicken. Es führte ihn, ohne daß er es wollte, zurück in die Tage seiner Jugend, da er mit ihr zusammen geweint und gelacht in dem kleinen Hause bei dem alten Thore, und er empfand, daß er sie im Grunde doch lieb hatte trotz dessen, was zwischen ihm und sie getreten: Sie war ja seines Vaters, sein Blut. Es fiel ihm ein, daß das kleine Buch vom Vetter Martin, das »Laienbrevier«, einige Verse enthielt von der Liebe zu den Seinen, und er holte es herbei und blätterte, bis er fand, was er suchte. Und beim Lampenschimmer in der tiefen Stille des Seminars las er halblaut:
Drei Dinge stehen jedwedem Menschen zu,
Die niemand niemals ihm verkümmern darf:
Die Gabe Gottes, daß er sei und froh sei;
Die Hilfe seiner Lebensmitgenossen;
Das Dritte macht ihn aber erst zum Menschen:
Das Recht, den Gott zu ehren, und die Seinen
In Not und Tod zu lieben. Ohne Liebe
Fällt dieses große Haus der Welt zusammen,
Ein jedes kleine Haus und jedes Herz.
Drum ohne dies Recht muß er lieber sterben,
Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.