Er las die Verse zweimal, dreimal, als ob er sie recht fest seinem Gedächtnis einprägen wolle, und dabei überkam ihn eine freundliche Ruhe. Mit dem Gedanken an seine Lieben schlief er ein, und so ging ihm der schöne Tag schön zu Ende.

Am anderen Morgen reiste seine Mutter heimwärts; er hatte sie nach dem Bahnhofe begleitet und stand mit ihr bereits auf dem Perron. Sie drückten sich noch einmal die Hände, und jetzt erst sagte schüchtern die alte Frau:

»Darf ich Marie nicht grüßen von Dir? – Es braucht's ja niemand zu erfahren. Du und ich, wir haben eine große Freude gehabt, gönne ihr auch ein Teilchen!« Frohwalt sah einen Augenblick zur Seite, that einen kurzen Atemzug und sprach dann, wieder der Mutter zugewendet:

»Ja, grüße sie von mir!« – –

Der Zug brauste pfeifend, stöhnend hinaus aus dem Bahnhofe, der Adjunkt aber ging mit leichtem Herzen und mit einer gewissen Freudigkeit heim.

Noch an demselben Vormittage fuhr er in Begleitung des Syndikus der Universität nach dem Hradschin, um sich, wie es Brauch war, als neugeschaffener Doktor dem Kanzler der Hochschule, dem Erzbischof, vorzustellen.

Sie wurden, ohne im Vorzimmer lange warten zu müssen, bei dem Kirchenfürsten vorgelassen. Der Kardinal Fürst Schwarzenberg war eine in jeder Weise aristokratische Erscheinung, hochgewachsen und schlank, mit einem länglichen, feinen, frischgeröteten Gesicht und klaren Augen, und seine Persönlichkeit erschien noch vorteilhafter gehoben durch die hochrote Soutane, welche in eine wallende Schleppe auslief; auf dem kurzen, silbergrauen Haare lag ein kleines, gleichfalls hochrotes Seidenkäppchen. Frohwalt war nach tiefer Verneigung zu ihm herangetreten, und küßte die feine Rechte, der Kardinal aber sprach in leutseligster, herablassender Weise mit ihm über seine Studien, zumal sein Lieblingsstudium, und befragte ihn zuletzt auch nach seiner Heimat und seinen Angehörigen.

»Ob seine Schwester verheiratet sei?«

Der junge Doktor errötete und fühlte eine Sekunde lang den Atem beengt; er hatte die Empfindung, daß der Kirchenfürst, der ihm mit seinem klaren Blicke tief in die Augen schaute, im nächsten Momente auch nach seinem Schwager fragen müsse. Es geschah nicht, im Gegenteil, die Audienz war zu Ende, aber Frohwalt war, indem er wieder nach seinem Seminar zurückfuhr, ernst und still. Er dachte daran, wie er sich im Grunde doch seiner Schwester schämen müsse, und beinahe reute ihn der Gruß, welchen er der Mutter für sie aufgetragen hatte. – –

Einige Tage später hatte sich im erzbischöflichen Palais an der Tafel des Kirchenfürsten eine besonders erlesene Gesellschaft zusammengefunden: Zwei Domherren, darunter Kanonikus Kupetz, einige Professoren der theologischen Fakultät und Professor Dr. Holbert, der sich besonderer Beliebtheit bei dem Kardinal erfreute. Kaum minder angesehen war der gleichfalls anwesende Professor der Moraltheologie Dr. Sales Meyer. Er trug das Ordensgewand der Cisterziensermönche, die weiße Tunik mit dem schwarzen Skapulier und der schwarzen Binde. Sein etwas volles, gerötetes Gesicht sprach von Geist und Klarheit, Frische und Energie, und die Augen sahen klar und scharf durch die spiegelnden Brillengläser.