Das Gespräch hatte ein ernstes und bedeutsames Thema erfaßt. Für den 8. Dezember des laufenden Jahres, des Jahres des Heils 1869, war eine allgemeine Kirchenversammlung nach Rom berufen worden, und die Herzen der katholischen Christenheit waren bewegt, die der Kirchenfürsten und der gelehrten Theologen erregt. Man war noch im Unklaren, um was es sich handle, und der Kardinal selbst gab diesem Empfinden Ausdruck:
»Seit dreihundert Jahren hat ein solch' Ereignis nicht stattgefunden, und es ist begreiflich, daß es unsere Gemüter erfaßt, umsomehr, als eine besondere Veranlassung nicht erkennbar ist. Wir haben keine Spaltung in der Kirche und keine neue Irrlehre zu bekämpfen, auch keine großen theologischen Streitfragen, die der Entscheidung auf solchem Wege harrten.«
»Wäre es nicht möglich, Eminenz,« – nahm Kanonikus Kupetz das Wort – »daß angesichts der zersetzenden, auf Umsturz von Altar und Thron gerichteten Bestrebungen der Sozialdemokratie oder der Freimaurer der heilige Vater Gelegenheit nehmen wollte, durch eine großartige Kundgebung der gesamten Kirche dem Vordringen derselben einen Damm zu setzen?«
Der Kardinal schüttelte wie ungläubig das Haupt, und Professor Meyer sprach mit seiner klaren, ein wenig trocken lehrhaften Stimme:
»Ich erachte das für wenig wahrscheinlich, obwohl ich die Bedeutung eines solchen Vorganges auch in diesem Sinne nicht unterschätzen würde. Befremdlich erscheinen muß es jedoch, daß man mit dem eigentlichen Zweck geheimnisvoll hinter dem Berge hält – wozu in Dingen, welche alle Gläubigen interessieren müssen, sich in den Schleier des Geheimnisvollen hüllen?«
»Wozu, wenn es sich um keine Streitfrage handelt, die Geister zuvor entfesseln und durch theologische Zänkereien schon vorher die Gemüter verbittern?« fragte der Kardinal dagegen.
Jetzt nahm Professor Holbert das Wort:
»Verzeihung, Eminenz – aber ich bin vielleicht in der Lage, eine nicht unwichtige Andeutung der kommenden Dinge geben zu können. Mir ist heute früh erst eine italienische Zeitung zugegangen, ein Blatt, das in streng kirchlichem Sinne und unter dem Einfluß des Jesuitenordens redigiert wird, und da steht es ziemlich unverblümt zu lesen, daß es bei dem bevorstehenden Konzil sich um nichts Geringeres handle, als dem heiligen Vater die Unfehlbarkeit zuzusprechen.«
Das Wort fuhr wie ein zündender Strahl durch den ganzen Kreis. Eine Falte legte sich zwischen die feinen Augenbrauen des Kirchenfürsten: