»In welchem Sinne glauben Sie, daß man eine solche verkünden wolle?«
»Ich fürchte, Eminenz, in völlig persönlichem Sinne, insofern es sich um eine der Zustimmung der Kirche nicht bedürfende Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittensachen handelt.«
»Aber, Herr Professor« – sagte der Kirchenfürst im Tone des Vorwurfs – »ist es nicht unbillig, dem heiligen Vater solch' selbstsüchtige Pläne zu unterschieben?«
»Er ist so ergeben, so milde, wie sollte er dazu kommen?« fragte der andere Kanonikus, der Professor Holbert aber blieb völlig ruhig, und erwiderte:
»Ich darf wohl annehmen, daß meine kirchliche Gesinnung, die mir Herzenssache ist, in diesem Kreise genugsam bekannt ist, ebenso wie der Freimut, mit welchem ich meine Anschauungen und Ueberzeugungen auszusprechen gewohnt bin; mit Rücksicht auf beides bitte ich Eure Eminenz um Verzeihung, wenn ich in einem derartigen Glaubenssatze nur den letzten Schluß eines seit Jahren verfolgten Vorgehens erblicken kann. Wenn ich denke, welche Fülle von Ablaßerteilungen, Heilig- und Seligsprechungen der Papst auf Anlaß seiner Berater aus dem Orden der Gesellschaft Jesu in den letzten Jahren vollzogen hat, ja wie man geflissentlich sogar die Kunde von angeblich durch ihn ausgeübten Wundern verbreitet hat, so will mich bedünken, als ob man damit nur die Voraussetzungen geschaffen zu dem Schlusse, der nun gezogen werden soll. Auch die Art, wie vor Jahren der Glaubenssatz von der unbefleckten Empfängnis Mariä entstand, hat nicht bloß mir zu denken gegeben, aber der Vorgang wird mir heute verständlicher. Etwa 100 Bischöfe, darunter circa 80 italienische, die zusammen nicht so viele Seelen vertreten, als Seine Eminenz, unser Herr Kardinal-Fürsterzbischof, haben bei einem Zusammensein in Rom durch einfachen Zuruf zu dem vom Papste vorgelegten Glaubenssatz dessen Aufstellung als Glaubenssatz bewirkt. Wo hat man sich dabei viel um die Kirche gekümmert?«
»Die Sache war ja immerhin anders,« nahm Professor Meyer das Wort. »Damals wurde etwas, was der fromme Sinn des katholischen Volkes schon lange glaubte, weil es seinem Herzensbedürfnis entsprach, zum Glaubenssatz erhoben – aber ein Glaubenssatz von der persönlichen Unfehlbarkeit des heiligen Vaters wäre eine Neuerung, welche die Gemüter verwirren müßte und schweres Unheil bringen könnte.«
»Aber, meine Herren, das ist ja Schwarzseherei! Die Sache liegt doch einfach: Entweder die Unfehlbarkeit ist eine bereits alte Lehre, oder wenn dies nicht nachgewiesen werden kann, kann sie nicht aufgestellt werden,« sprach der Kardinal.
»Ja, ein Glaubenssatz kann doch nur dann für die Kirche Gültigkeit haben, wenn die Mitglieder eines Konzils denselben einhellig oder nahezu einhellig annehmen. Das ist aber in diesem Falle kaum zu erwarten,« bemerkte einer der theologischen Professoren.
»Das sollte man meinen, Herr Kollege,« erwiderte Dr. Holbert, »ich fürchte aber, daß man in Rom auch vor einer Majorisierung nicht zurückschreckt, wenn es sich um einen fest vorbereiteten Plan handelt.«
»Aber da würden wir doch auch noch auf dem Platze sein,« meinte der Kardinal mit einem feinen Lächeln, und Dr. Holbert senkte schweigend den Kopf.