Den sonst so ruhigen Professor Meyer schien die Angelegenheit besonders zu erregen:
»Ich kann noch nicht an solche Absicht glauben; es würde den geschichtlichen Ueberlieferungen, den geschichtlichen Thatsachen ins Gesicht schlagen und sich niemals aus Ueberlieferung und Schrift begründen lassen. Man kann aus vielen Gründen dem katholischen Volke nicht zumuten, daß es glaube, der Papst könne auf dem ganzen Gebiete des Glaubens und der Sitten der höchste Lehrer, Richter und Gesetzgeber sein, und tausend fromme und gelehrte Kirchenfürsten und Kirchenlehrer ständen auf dem Boden des Irrtums, wenn der heilige Vater, der weder gelehrt zu sein braucht, noch auch – dafür spricht ja leider die Geschichte – immer tugendhaft, für gut befindet, eine besondere Meinung zu haben.«
»Und wohin sollte das im Staatsleben führen« – sprach wieder Holbert – »wenn der jeweilige Papst mit seiner unfehlbaren Meinung in die Rechte der Staaten und der Völker eingreifen würde? Die Völker sind nicht mehr wie im Mittelalter, sie sind mündig geworden und lassen sich von Rom nicht mehr Gesetze geben, die unter Umständen der bloßen Willkür ihre Entstehung verdanken. Heute haben wir einen milden, guten Herrn auf dem Stuhle des heiligen Petrus, wer aber kann für seine Nachfolger bürgen?«
»Ich glaube, meine Herren, wir regen uns unnützer Weise auf« – sagte der Kardinal mit der Absicht, das Gespräch, das eine unbehagliche Wendung zu nehmen drohte, zu wechseln, und seine Gäste waren taktvoll genug, ihn zu verstehen. – Die Wogen der erregten Gemüter glätteten sich, man kehrte zu harmloseren Tagesfragen zurück, und Seine Eminenz verstand auch hier, den feinsinnigen, liebenswürdigen, vornehmen Wirt zu machen. Unter andern kam die Rede auch auf Dr. Peter Frohwalt, der dem Kardinal nach seiner äußeren Erscheinung wie nach seinem ganzen Wesen einen sehr guten Eindruck gemacht hatte; er hörte mit Vergnügen, daß auch Professor Holbert sich lobend über den jungen Adjunkten äußerte, und sprach aus, daß er denselben im Auge behalten wollte.
Der Frühling brachte für Prag wie alljährlich das Fest des Landesheiligen Johannes von Nepomuk, der bekanntlich als Märtyrer des Beichtgeheimnisses in den Fluten der Moldau gestorben sein soll. Da, wo auf der steinernen Brücke heute sein Standbild steht, ließ ihn, wie erzählt wird, König Wenzel, der Luxemburger, in die Wellen schleudern, aber ein Kranz von sieben hellen Sternen umleuchtete noch das Haupt des Toten, dessen Leib nachher im Dome von St. Veit beigesetzt wurde, dessen Gedächtnis am 16. Mai jeden Jahres festlich begangen wird. Seine angeblich unversehrte Zunge wird in kostbarer Monstranz der Verehrung des Volkes ausgestellt.
Auch in diesem Frühling waren Tausende nach der böhmischen Hauptstadt gekommen, das Fest mitzufeiern, und über die Brücke nach der Höhe des Hradschin bewegte sich eine bunte Menge, meist Landvolk, und im Dome drängten sich Hunderte um das Grabmal des Heiligen, den massiven, schwerfälligen Sarkophag, zu welchem 27 Zentner feinen Silbers verwendet worden sind, und um welchen eine Anzahl Lampen ihr trauliches Licht ausgießen. Unter ihnen stand diesmal auch der wunderliche Heilige, Vetter Martin, der zwar Prag schon kannte, aber es bei Gelegenheit dieses Festes auch einmal sehen wollte.
Ihm behagte dies Leben und Treiben nicht, noch weniger die unvermeidlichen tschechisch-nationalen Kundgebungen, welche regelmäßig mit diesem Feste verbunden werden; diese angeputzten Banderien, diese buntscheckigen Sokolisten waren ihm nichts weniger als eine Herzensfreude, und so stapfte er am Morgen des Festes bereits wieder hinüber nach der Altstadt, um im Klementinum bei Peter Frohwalt vorzusprechen.
Der war erfreut, als der Alte bei ihm eintrat.
»Das riecht ordentlich nach Theologie bei Euch, etwas muffig, als ob schon lange kein frischer Luftzug hereingekommen wäre, so daß es sich Unsereinem auf die Brust legt – nimm mir's nicht übel, Peter! Ja so, Du hast ja jetzt eine akademische Würde, und dazu will ich Dir auch meinen Glückwunsch sagen. Ich wäre gern zur Promotion gekommen, aber mir that's leid um Deine Schwester, das arme Wurm, das nicht einmal thun darf, als ob es sich darüber freute – und sie hat sich doch gefreut mitsamt Deinem Schwager. Na, was machst Du denn auf einmal für einen schiefen Nasenwinkel … ja so, Dir ist etwas in die Schleimhäute gefahren, Du kannst Freidank nicht riechen! Aber ich sage Dir, er ist ein prächtiger Mensch und trägt Deine Schwester auf den Händen. Er weiß, daß er doppelt an Liebe geben muß, weil er auch den Bruder zu ersetzen hat. Herrgott, da schwatze ich, und weiß doch, daß ich Dir kein Vergnügen damit mache – na, wovon das Herz voll ist … und so weiter. Höre, das Prag ist ein unausstehliches Nest am Johannistage; man lebt wie in einer Heringstonne, und selbst wenn man mal ausspucken will, trifft man einen Verehrer des heiligen Nepomuk. Und wenn das Geschmeiß nur wirklich noch wegen des Heiligen herkäme! Aber das alles kommt zu seinem Pläsir. Nur die vielen Leierkästen! Aber jetzt rede Du – – während ich mich einmal in die Sophaecke setzen und, wenn Du nichts dagegen hast, ein Pfeifchen in Ruhe schmauchen will!«