Siebentes Kapitel.
Heldentod.
Das Herz erfüllt von Zorn und Scham und Rachbegier hatte Bastian mit eiligen Schritten sich entfernt, und schlug einen Feldweg ein, der nach dem Orte Zarensdorf führte. Auf einer kleinen Erhöhung, wo zwei Bäume standen, hielt er an, warf sich in den Schatten und starrte mit finsteren Blicken hinüber gegen Gresse, wo er die lagernden Lützower schauen konnte. Hätte er sie jetzt alle vernichten können, die dort unten, es wäre ihm eine teuflische Freude gewesen. Was sollte nun mit ihm werden?
Das war die Frage, welche er vor allem erwog. Nach Hause konnte er nicht zurückkehren; Scham und Furcht vor seinem Vater machten ihm das unmöglich; sich eine Stellung suchen, sich verdingen als Arbeiter … dazu konnte er sich nicht entschließen, wer hätte auch in diesen Zeitläufen ihn annehmen mögen? – Würde nicht jeder ihm ins Gesicht gesagt haben, ein Bursche wie er gehöre jetzt unter die Fahnen seines Königs?
Er war augenblicklich noch nicht ganz ohne Mittel, freilich lange konnte er damit nicht aushalten, und was dann? Er schüttelte sich, als wollte er die unmutigen und unangenehmen Gedanken los werden, und wandte den Kopf von dem Lager der Lützower da unten weg nach der andern Seite, wo unter ihm Zarensdorf und weiter nach Osten Vellahn mit ihren friedlichen kleinen Häusern aus der grünen Landschaft winkten. Fürs erste wollte er einen Anzug, wie ihn das Landvolk trug, kaufen und sich in eine bessere Stimmung hinein essen und trinken. Langsam erhob er sich, und ohne den Kopf noch einmal zurückzuwenden, schritt er hinab gegen Zarensdorf.
Bei der Schenke hielt er an und sah durch die Fenster hinein. Einige Bauern saßen an dem rohen Tische und rauchten und tranken. Er trat ein und setzte sich zu ihnen. Sie schauten ihn mit einiger Verwunderung an, und einer fragte ihn beinahe mißtrauisch, wo er seinen Rock gelassen habe.
Er erzählte, daß er der Wärme wegen denselben ausgezogen und neben sich gelegt habe in dem kleinen Gehölz, wo er Rast hielt. Dort sei er eingeschlafen und währenddessen habe man ihm das Kleidungsstück gestohlen, ebenso seine Mütze. Es klang nicht besonders glaubhaft, aber in jenen Tagen passierten absonderliche Sachen, und man hatte sich daran gewöhnen müssen, noch ganz andere Geschichten für wahr zu halten. Die Bauern redeten darüber auch nicht weiter, und der Wirt verkaufte ihm eine getragene Jacke und eine Mütze um einen geringen Preis, und da er unmittelbar vor dem Orte auch von seinen Beinkleidern die wenigen militärischen Abzeichen losgetrennt hatte, mochte er jetzt wohl für einen Bauernburschen gehen.
Er erzählte, daß er nach Schwerin wolle, wo er Verwandte habe, und erfuhr dabei, daß dort der französische Marschall Davoust sich befinde, der sich entweder gegen Berlin oder gegen Stralsund wenden werde. Auch die Bauern waren erbittert gegen das fremde Volk und sprachen in ihrer Weise warm von dem heldenhaften Kampfe des Lützower Häufleins bei Lauenburg. Bastian redete nichts dazu, aber es überkam ihn einmal, als müsse er in einer Anwandlung von Stolz erklären, er sei auch dabei gewesen, doch er unterdrückte die Regung; er hätte ja nicht gewußt, was er sagen solle, weshalb er die Fahne verlassen.
So verhielt er sich im Ganzen schweigsam, aß, was der Wirt ihm vorgesetzt hatte und begann, nach seiner Art, viel zu trinken. Das stimmte ihn lustiger, und als erst am Abende noch mehr Bauern in die Schenke kamen, begann er Schnurren zu erzählen und Possen zu treiben, so daß sich alle über ihn ergötzten und er selbst sich behaglich fühlte, wie seit langem nicht, denn er war einmal der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, ja dem eine Art naiver Bewunderung nicht fehlte.
Am andern Morgen hatte er einen schweren Kopf wie nach einer wüsten Nacht, und die ganze Welt sah ihn so grau an, zumal ein leichter Regen niederging. Trotzdem zog er weiter, denn die leere Schenke mit ihrem muffigen Tabaksdunst widerte ihn an. Er wanderte gegen Kammin und von da gegen Wittenburg. Da traf er lustige Genossen und blieb drei Tage. Allgemach aber ging sein Geld zur Neige, und in Wittenburg verkaufte er um einen Spottpreis seine wertvolle Uhr und verlebte nun noch zwei lustige Tage in einem nahen Dorfe. Es war, als ob der Grundsatz des Königs Jerôme von Westfalen auch ihm in Fleisch und Blut übergegangen wäre.
Aber die Ernüchterung konnte nicht ausbleiben, und als erst sein Säckel wieder leer war, überkam ihn beinahe die Verzweiflung. Er hatte sich gegen Schwerin zu gewendet, und wie er durch einen Wald hinschritt, überfiel ihn ein entsetzliches Gefühl seiner Verlumptheit, eine innerliche Öde, ein Widerwillen vor sich selbst, und er hielt Umschau unter den Bäumen, welcher wohl am besten geeignet sein könnte, um sich daran zu erhängen. Unter einem Eichbaum hielt er Rast; er legte sich platt auf den Boden und sah empor nach dem grünen Geäst und ließ sein Leben an sich vorübergehen. Da ward er sich selber zum Ekel. Was waren seine Lützower Kameraden für Burschen ihm gegenüber! Die Eichenzweige, die über ihm rauschten, erinnerten ihn daran, daß es der deutsche Baum Wodans sei, mit dessen Laub sich die deutschen Streiter schmückten, die ihn ausgestoßen aus ihrer Mitte, sie erinnerten ihn an den Schwur in Rogau in dem kleinen Dorfkirchlein, wo auch er das grüne Symbol an seinen Tschako gesteckt und etwas von dem Wehen des guten deutschen Geistes gefühlt hatte.