Er suchte in seinen Taschen; er wußte, daß er einen Strick in einer derselben gehabt hatte, und nun zog er ihn hervor. Mit seltsamen Blicken sah er ihn an, da er ihn durch seine Finger gleiten ließ, und dann begann er eine Schlinge zu knüpfen. Er legte sie um den Hals und zog sie zusammen, aber da sie ihm die Kehle leicht schnürte, überlief ihn ein Schauer und er befreite sich wieder von derselben. Abermals lag er jetzt eine Weile träumerisch, und Erinnerungen aus seinen Jugendtagen gingen ihm durch die Seele. Als aber unter diesen auch die Gestalt Konrad Schmidts erschien, und als er an die Züchtigung dachte, die er einst um dessenwillen erhalten, da erfaßte ihn Haß und Ingrimm gegen den Jugendgenossen, gegen seinen Vater, gegen alle Welt, und mit einem raschen Entschlusse riß er sich empor, kletterte an dem Stamme des Baumes hinan und wand das Ende des Strickes um einen Ast. Dann zog er die Schlinge heran, um den Kopf hindurchzustecken, da hörte er plötzlich eine Stimme:

»Halloh, Geselle, was für Dummheiten treibst du denn da?«

Bastian erschrak, daß er von dem Aste herabtaumelte auf die Erde, und dabei kollerte er zwei Soldaten vor die Füße, welche die westfälische Uniform trugen und völlig ausgerüstet waren.

»Eine wunderliche Frucht, die da von dem Eichbaume fällt,« spottete der eine, und der andere stieß ihn mit dem Fuße an und sagte:

»Steh' auf, Bursche! Wenn dir dein Leben so feil ist, so besorgt das eine Kugel viel sauberer, als der Strick. Schäm' dich – in solchen Zeitläufen sich aufhängen wollen! Tritt unter die Fahnen des Königs Jerôme – da lebt sich's alleweil lustick!«

Die Leute sprachen deutsch trotz der fremden Uniform; sie sahen auch ganz gutmütig aus, und Bastian überwand rasch seinen Schrecken und seine Verlegenheit. Vielleicht war's just gut so, daß er die da traf in seiner größten Not, da er nicht wußte wo aus noch ein, und rasch erklärte er, er sei König Jerômes Mann, wenn sie ihn brauchen könnten. Da forderten ihn die Soldaten auf, bei ihnen zu bleiben, bis sie abgelöst würden; sie seien hier als vorgeschobener Posten einer kleinen Infanterieabteilung in den Büschen versteckt. Der eine reichte Bastian seine Feldflasche, und dieser stieß an auf gute Kameradschaft.

Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei andere Soldaten, um ohne viele Formalitäten die ersten abzulösen, und diese schritten nun mit Bastian durch den sinkenden Augustabend im Walde hin. Am Waldsaume, seitwärts der Straße, lagerten etwa 100 Mann Infanterie, Franzosen und Westfalen, um eine Anzahl schwerbepackter Wagen her. Ihre Wachtfeuer leuchteten gastlich in der Dämmerung, und ihre Pferde grasten friedlich auf dem Anger.

Bastian wurde vor einen Offizier geführt, dem er ein Märchen vorlog und der ihn gegen Handgeld aufnahm unter die Truppen, auch Sorge tragen ließ, daß er einige Uniformstücke und ein Gewehr erhielt. So saß er am Abend unter seinen neuen Kameraden, wie Tags zuvor unter den Bauern, und da es nicht an guter Atzung und einem Trunke fehlte, fühlte er sich bald wieder wohl. Doch galt es bei Zeiten zur Ruhe zu gehen, da der Transport am frühen Morgen gegen Gadebusch aufbrechen sollte. – –

An demselben Abend aber lagerten südwärts von der Straße, die von Schwerin gegen Gadebusch führt, in einem Gehölze bei Rosenhagen Lützowsche Reiter und Kosaken unter Führung des Majors selbst. Sie hatten ihre Abendmahlzeit in einem Orte eingenommen, wo für eine französische Einquartierung gedeckt worden war, und saßen nun vergnügt um die Wachtfeuer. An einem derselben lagerten Theodor Körner, Konrad Schmidt, Zander, Erich und ein junger Graf Hardenberg. Sie plauderten von der Zukunft und von den Tagen der Freiheit, nur Körner zeigte sich schweigsamer als es sonst seine Gewohnheit war.

»Er ist in Wien bei seiner Braut Toni,« sagte gutmütig spottend Hardenberg, und der junge Dichter fuhr auf: