Sie hielt ihm die Hand hin, und grollend beinahe sprach er:
»Was will ich machen? – 's ist auch jetzt nicht Zeit, weiter davon zu reden. Da drüben wird's unheimlich munter. Sehen Sie?«
Am andern Elbufer zeigten sich im Dämmerlicht des Morgens Truppen, und wenn nicht alles täuschte, lagen einige große Fähren bereit. Walther überlegte nicht lange; er riß sein Gewehr von der Schulter und gleich darauf krachte ein Schuß durch den stillen Morgen.
»Das wird unsere Leute schneller munter machen, und die Schelme da drüben sollen wissen, daß wir nicht unvorbereitet sind. Knallen Sie auch los!«
Elise folgte dem Geheiß; ihre Wangen brannten, ihr Herz schlug rascher, und eine merkwürdige Kampfesfreudigkeit überkam sie. Noch zweimal hatte sie, dem Beispiele ihres Gefährten folgend, geladen, noch vier Schüsse waren nach der Elbe zu gefallen, von der Schanze her aber wurde es lebendig. Im Laufschritt kam es heran und bald war Graf Nostiz bei den zweien und übersah die Lage der Dinge. Es war kein Zweifel, daß die Franzosen einen stärkeren Angriff gegen Hohnsdorf unternehmen wollten. Am jenseitigen Ufer setzten sich jetzt einige Fähren in Bewegung, und gleichzeitig dröhnten die dumpfen Grüße der aufgestellten Geschütze.
Das Wetter hatte sich völlig verzogen, es war klar geworden, und man erkannte beinahe die Gesichter der Feinde, als sie in der Mitte des Flusses waren. Hinter kleinen Erdwällen, die schon vordem aufgeworfen waren, flach auf dem Boden, lagen die Lützower Jäger, und die feindlichen Geschosse sausten im Bogen über sie hin, wühlten sich in die Erde und sprangen meist, ohne einen Schaden zu thun. Als die erste Fähre in den Schußbereich kam, eröffneten die Lützower ihr Feuer, und nun krachte und knatterte es unheimlich durch den Oktobermorgen.
Der ersten Fähre folgte eine zweite und eine dritte, und es mochten wohl gegen 400 Mann sein, die gegen das kleine Häuflein in Hohnsdorf heranrückten. Die erste Fähre kam dem Ufer unaufhaltsam näher. Auch ihre Besatzung lag flach auf dem Boden des Fahrzeuges, aber da sie landen wollte, und ihre Mannschaft sich erhob, schlugen die Kugeln der Lützower so dicht und sicher ein, daß eine Verwirrung entstand, ein Drängen und Stoßen, wobei mancher hinabstürzte in die Fluten. Die erste Fähre war unschädlich gemacht, und indem sie zurückwich, wurden auch die andern zurückgedrängt. Am Lauenburger Ufer ordneten sich die Franzosen aufs neue und hatten zweifellos die Absicht, den Angriff zu wiederholen. Wiederum donnerten ihre Geschütze, Granatsplitter flogen umher und verletzten einige Leute, darunter den Grafen Nostiz, das aber entflammte erst recht den Mut des kleinen Haufens.
Nur Walther war es nicht behaglich; nicht um seinetwillen, sondern des jungen Blutes wegen, das er nicht von seiner Seite ließ und mit seinem eigenen Leibe zu decken bemüht war. Manchmal warf er einen Blick auf Elise, aber er schaute in leuchtende Augen und auf heiße Wangen, und zuletzt zog es doch beinahe wie Freude und Begeisterung in sein eigenes Herz ein, wenn er sah, wie furchtlos und mutig die Vaterlandsliebe auch ein schwaches Weib machen konnte. Gott würde sie schon in seinen Schutz nehmen – das war's, womit er zuletzt sich getröstete, als eben wieder die französischen Fähren herannahten und das Geschützfeuer heftiger wurde.
Wiederum krachten die unermüdlichen Büchsen der Lützower, aber trotz alledem hatte die erste Fähre beinahe das Hohnsdorfer Ufer erreicht, da erkannte Walther auf dieser die Abzeichen eines höheren Offiziers. Er behielt sie scharf im Auge, und wie der Träger derselben sich bewegte und das Haupt ein wenig hob, krachte der sichere Schuß des Försters. Der Erfolg zeigte sich beinahe augenblicklich. Der Getroffene sprang auf, that einen Satz zur Seite, überschlug sich und stürzte in die Wellen. Mit seinem Falle kam Entsetzen über die andern. Wie in einem aufgescheuchten Ameisenschwarme wimmelte es auf der Fähre durcheinander, alle stießen und drängten, und in den dichteren Knäuel schlugen die Kugeln vom Ufer her ein. Die meisten Franzosen sprangen in das Wasser und suchten schwimmend die nächste Fähre zu erreichen, aber sie trugen auch dorthin Erregung und Verwirrung, und zum zweiten Male wendete man sich zurück gegen Lauenburg.
Ein fröhliches, begeistertes Aufjauchzen, ein lautes, helles Hurra klang den Franzosen nach, die trotz alledem noch einen dritten Angriff versuchten, aber auch dieser ward durch das wirksame Feuer der Angegriffenen zurückgeschlagen. Da verstummten endlich auch die Geschütze von der Lauenburger Höhe; die Sonne, welche sich aus dem zerstreuten Gewölk herausgewunden, leuchtete milde über die Hohnsdorfer Schanze, hinter der sich die tapfern Verteidiger jetzt behaglich gelagert hatten und ihres Sieges sich freuten.