Da erfaßte den alten Mann ein anderes Gefühl, das der Vaterangst und der Vaterliebe.
»Krank, sagen Sie? – Wäre es möglich, daß die Krankheit ihn ängstlich, feige gemacht hätte? – Glauben Sie das, daß es möglich sei – dann könnte ja alles noch gut werden.«
Schmidt wollte dem erregten Vater nicht das letzte Fünkchen eines freundlichen Hoffens rauben; er bestätigte gern die Frage, und nun litt es Bastian nicht länger mehr, er wollte fortreiten und überall fragen nach seinem Jungen und ihn überall suchen. Seine Gefährten sollte Konrad mitnehmen und sie dem Major von Lützow zuführen. Nur mit Mühe konnte der Gutsherr bewogen werden, sich an einem einfachen Imbiß zu beteiligen. Dann stieg er in den Sattel, reichte mit stummer Innigkeit Konrad die Hand und trabte davon.
Er ritt die Nacht beinahe bis an den Morgen, dann gönnte er sich erst einige Stunden Rast, aber bald begann er auf's neue seine Nachforschungen. Ja, man hatte seinen Sohn da und dort gesehen, überall hatte er verwirrte, sonderbare Reden geführt, überall getrunken und – gebettelt: Dem Vater wollte es das Herz zerreißen bei solcher Nachricht, und das Mitleid überwog bei ihm noch den Abscheu. Die letzten Nachrichten, die er in Kraak erhielt, deuteten darauf, daß er gegen Wöbbelin sich gewendet habe, und dahin wandte sich auch der Gutsherr.
Der Abend war bereits hereingebrochen und der Mond war aufgegangen, der mit seinem milden Lichte die Gegend überflutete, als er an Wöbbelin herankam. Er sah den Ort drüben an der Straße liegen, still und friedlich, aber seitwärts von seinem Wege erblickte er auch zwei einsame Eichen, und er wußte, daß dort in deren Schatten sich einige Heldengräber befanden. In einer beinahe wehmütigen Stimmung ritt er darauf zu. Als er fast ganz herangekommen war, sah er, wie es sich im Schatten bei einem der Hügel regte, und er vermochte jetzt einen Menschen zu erkennen, der an einem Grabe wühlte und arbeitete. Eine seltsame Aufregung überkam Bastian, zumal jener, der auf dem weichen Grunde den Hufschlag des Pferdes nicht hören konnte, sich gar nicht stören ließ. Er stieg ab, schlang den Zügel seines Pferdes um einen Strauch, kam noch näher, und plötzlich, wie von einer schlimmen Ahnung ergriffen, rief er den Namen seines Sohnes. Da schreckte der Mensch auf dem Hügel auf, that einen lauten Schrei und wandte sein Gesicht her; dann sank er auf die Kniee und rief mit aufgehobenen Händen:
»Vater!«
Bastian war tief erschüttert.
»Hermann, du? – Was machst du hier?« fragte er, indem er ganz nahe an den Knieenden herantrat. Dieser aber zeigte auf den zerwühlten Hügel und sagte irr und hastig:
»Den da wieder herausholen! Weißt du, wer hier schläft? – Theodor Körner, der die schönen Lieder gemacht hat – – Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd … ja, er war unser Stolz, er war ein prächtiger Junge … und – aber sprich's nicht weiter, hörst du! – und ich bin's gewesen, der ihn erschossen hat!«
Und der Unselige heulte auf wie in tiefen Schmerzen, der Alte aber wurde von Grauen und Mitleid durchschüttert.