»Steh auf, Hermann, du bist krank … komm, das alles ist ja nicht wahr, was du sprichst – komm zu deiner Mutter!«
Unheimlich lachte der Bursche auf:
»Nicht wahr? – O, es ist wahr – bei Gadebusch ist's geschehen, aber ich hab's nicht gewollt, bei Gott, das hab' ich nicht gewollt! Warum haben sie mich weggestoßen wie einen Hund – warum? – Das Hähnchen, ja, das Hähnchen … ihn hat's treffen sollen … aber der Teufel hat die Kugel gelenkt … der Teufel!«
Den Gutsherrn überrieselte ein kalter Schauer; daß etwas Fürchterliches geschehen sein mußte, war ihm ebenso klar, als daß sein Sohn krank war, und das stand fest, er mußte ihn mit sich nehmen, er durfte ihn hier nicht verkommen lassen in Irrwahn und Elend. So erfaßte er ihn am Arme, aber der Bursche riß sich los, und mit dem Schrei: »Ich lasse mich nicht fangen!« rannte er in wilden Sätzen davon.
Der Vater eilte hinterdrein, fortwährend rufend und bittend. Da erst erinnerte er sich seines Pferdes; mit keuchender Brust lief er zurück, schwang sich in den Sattel und jagte dem Flüchtigen nach. Er hatte nur seinen Schatten noch gesehen, aber bald schien er ihn erreichen zu können. Da durchschnitt ein breiter, steil abfallender Graben das Gelände. In demselben verschwand Hermann, aber bald darauf kletterte er an der andern Seite empor und rannte mit wildem Hohngelächter einem nahen Walde zu. Der alte Herr jedoch erkannte, daß er hier die Verfolgung aufgeben müsse, und todestraurig ritt er langsam wieder zurück.
Bei den zwei Eichen hielt er an. Er stieg ab und trat an den Hügel Theodor Körners. Der Mondschein sickerte durch die Zweige und streute silberne Flocken über das Grab des jungen Helden, und Bastian wurde es wehmütig zu Sinne. Warum konnte sein Sohn nicht dieses Schicksal haben? – Er hätte um ihn geweint, aber Thränen des Schmerzes und des Stolzes zugleich! Er stand lange in tiefer Bewegung, dann brach er einen Eichenzweig und legte ihn auf den Hügel nieder, auf dem er die Erde wieder geglättet hatte, schwang sich auf das Pferd und ritt nach Wöbbelin, um dort Nachtrast zu halten.
Am andern Morgen begann er wieder die Nachforschungen nach seinem Sohne, aber er vermochte seine Spur nicht mehr zu finden.
Dekoration
Neuntes Kapitel.
Siegesfreuden.
Nebel wogten über das Elbthal und das Thal der Boitze, und der Oktobermorgen brach grau und kühl an. Hornsignale und Trommelklang gingen durch das Lager des Generals Tettenborn bei Boitzenburg, und die hier gesammelten Truppen stellten sich in Marschordnung. Jetzt setzte sich der General an die Spitze der etwa 800 Kosaken, die den Zug eröffneten, und nun ging es hinein in den grauenden Tag. Hinter den Kosaken ritt der alte Rittmeister Fischer, der ab und zu sich vergnügt den weißen Bart strich, denn wenn es zu einem frischen, waghalsigen Handstreiche ging, war er stets guter Dinge, und mit den 400 braven Reitern hinter sich, unter denen auch Schmidt und Zander sich befanden, fürchtete er sich vor dem Satan nicht; es steckte in dem Alten etwas vom Blute des wackeren Marschall Vorwärts, des prächtigen Blücher. Dann marschierten etwa vierthalbhundert Mann Lützower Infanterie unter Lieutenant Müller. Unter ihnen war Walther und die beiden Freundinnen, denn das Hohnsdorfer Kommando war teilweise abgelöst und durch andere Truppen ersetzt worden. Den beiden Mädchen aber schlug das Herz höher, denn es sollte ja gegen Bremen gehen und dieser Stützpunkt den Franzosen entrissen werden. Das Reichesche Jägerbataillon und einige reitende Geschütze vervollständigten die kleine Armee, die frohgemut, wenn auch mit großer Vorsicht ihres Weges zog gegen Bleckede, wo sie die Elbe übersetzte, und dann in Eilmärschen weiter über Bienenbüttel und Soltau nach Visselhövede.