Der Weg war nichts weniger als gut. Stundenlang ging es durch pfadlose Heide, dann wieder durch sumpfiges Moorland, und dazu kam, daß es regnerische Tage waren, so daß besonders die Geschütze nur mit den größten Schwierigkeiten weitergebracht werden konnten, und daß die von der Infanterie requirierten Wagen auf den grundlosen Wegen teilweise stecken blieben.

So hatte man Verden erreicht, aber trotz aller Ermüdung ward doch nur eine kurze Rast von drei Stunden gegönnt und noch in der Nacht sollte der Marsch gegen Bremen fortgesetzt werden. Walther sorgte in dieser kleinen Frist nicht für sich, sondern für die beiden Mädchen, um die er manche Sorge schweigend trug; er verschaffte ihnen ein gutes Abendbrot, ein bequemes Lager, während er selber mit seinem treuen Hunde selbst in diesen Raststunden den Schlaf nicht suchte. Bald erklangen auch die Signale wieder, und der Marsch ging hinein in die rauhe, nebelfeuchte Nacht.

An demselben Abend aber hatte an der Straße nach Bremen in einem Gehölz ein verwildert aussehender Bursche gelegen. Er war hinter Tettenborns Schar gekommen, die er nicht aus den Augen verlor, und war derselben auch ab und zu vorausgeeilt, sie umschwärmend wie ein Hund die ihm anvertraute Herde. Es war Bastian. In seiner gestörten, erregten Seele lebte ein wunderlicher Zug, der ihn immer wieder hindrängte zu den Lützower Reitern; es war wie Haß und Anhänglichkeit zugleich. Er konnte von den Spuren derer nicht weichen, die ihn von sich gestoßen hatten, und an denen er andererseits nach seinem Empfinden wieder gut zu machen hatte, was er ihnen angethan, indem er einen der besten ihnen raubte.

So hatte er die Truppen auch diesmal umschwärmt und war ihnen gegen Bremen zu vorausgeeilt. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, den Anschlag dem französischen Kommandanten in jener Stadt zu verraten, aber Bastian haßte die Franzosen heißer, als er es sonst gethan, weil sie nach seinem Glauben die Ursache waren, daß Körner durch seine Kugel gefallen war, und so that er ohne Auftrag lieber Spionendienste im Interesse Tettenborns und der Lützower.

Wie er so dalag und wie in wirren Träumen die seltsamsten Bilder an sich vorübergleiten ließ, hörte er durch die Nacht Hufschlag. Er lauschte, woher er kam, stützte sich auf den Arm und spähte. Jetzt sah er den Reiter, der in der Richtung gegen Bremen sprengte, und wie er sich näherte, erkannte er auch die französische Uniform. Es war ein Chasseur, der offenbar Kurierdienst that, und in die Seele Bastians schoß mit einem Male der heiße Haß. Er wußte zunächst selbst nicht, was er wollte, aber er griff nach einem großen Feldsteine, der neben ihm lag, und seine Augen glühten unheimlich auf.

Der Kurier kam rasch daher, ohne zur Rechten oder zur Linken zu sehen. Da traf der Steinwurf sein Pferd, das bäumte sich hoch auf, warf den überraschten Reiter aus dem Sattel und jagte wild davon, in die Nacht hinein. Auf den Chasseur, der halbbetäubt am Boden lag, stürzte sich ein Mensch gleich einer wilden, zornigen Katze und umklammerte den Hals des Mannes, der vergebens sich bemühte, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Der Angreifer sprach nicht, aber er knirschte wie in rasender Wut mit den Zähnen, und seine Fäuste umklammerten mit Riesenkraft den Franzosen. Der fühlte, wie seine Kräfte erlahmten, wie die Sinne ihm schwanden, und als er zurücksank, riß ihm sein Gegner den Säbel aus der Scheide und bohrte ihn mit einem wollüstigen Grimme zwei-, dreimal in den Leib des Unglücklichen.

Ein triumphierendes Lächeln ging über das Gesicht Bastians; er horchte, ob der Franzose noch atme, und dann fühlte er an dessen Leibe herum, bis er die kleine Ledertasche fand, welche wohl wichtige Nachrichten bergen mochte. Er riß sie an sich, erhob sich, warf noch einen Blick nach seinem Opfer und eilte nun in die Nacht hinein in der Richtung gegen Verden.

Er mochte mehr als eine Stunde gelaufen sein, als er das Geräusch herannahender Pferde vernahm; er wußte, es waren Tettenborns Kosaken, und in einer Aufregung, die ihn fast alle Vorsicht vergessen ließ, rannte er ohne weiteres in deren Vortrab hinein.

»Wo ist der General?« schrie er deutsch und französisch und hielt dabei die Kuriertasche hoch in der Hand. Man ließ ihn durch, und so kam er bis zu Tettenborn, dem er seinen Raub übergab. Der öffnete gewaltsam die Tasche und entnahm ihr ein Schreiben, das er bei der schlechten Beleuchtung einer Wagenlaterne, die herbeigeschafft worden war, mühsam entzifferte. Es enthielt eine Mitteilung an den Oberst Thuillier, den französischen Kommandanten von Bremen, betreffs des geplanten Überfalls dieser Stadt und stammte von dem Befehlshaber eines französischen Postens in Ottersberg.

Tettenborn ließ sogleich eine Abteilung Kosaken gegen diesen Ort aufbrechen, um sich dieses Postens zu bemächtigen (was auch durch glückliche Überrumpelung gelang), dann wollte er dem Burschen, der die wichtige Botschaft in seine Hände gebracht, danken, aber Bastian war wie in die Erde versunken. An den Kosakenpferden vorbei war er in die Nacht hinausgeeilt, und bald folgte er wieder wie ein treuer Schatten dem Zuge der kleinen Armee.