Um sieben Uhr morgens kam diese vor Bremen an. In der Vorstadt vor dem Osterthore und im Dorfe Hastede waren zwei feindliche Kompagnien untergebracht. Mit lautem Hurra brachen die Lützower Reiter über dieselben herein, ehe sie noch ihre Sammelplätze erreichen konnten, und hieben die meisten nieder; nur wenige retteten sich in die Stadt und zogen hinter sich die Zugbrücke auf, welche über den ziemlich tiefen und mit Wasser gefüllten Wallgraben führte. Es war hohe Zeit, denn auch die Lützower Infanterie war zur Stelle und setzte sich in den Häusern der Vorstadt fest, von wo aus gegen die Besatzung auf dem Stadtwall ein lebhaftes Feuer eröffnet wurde, das bald auch die geschickt postierten Kanonen unterstützten. Und während die Kartätschen unter die feindlichen Truppen einschlugen, sausten in die Stadt hinein beinahe unaufhörlich die aus zwei Haubitzen geworfenen Granaten; da und dort aufleuchtender Feuerschein verkündete den Erfolg der Beschießung.

Die Bürgerschaft Bremens geriet in Aufregung; ihr Herz schlug den Belagerern entgegen, und viele waren nicht abgeneigt, dieselben durch eine Erhebung ihrerseits zu unterstützen.

Im Hause des Zimmermeisters Lühring hatte sich etwa ein Dutzend Männer zusammengefunden, darunter angesehene Leute, Patrioten von reinster Gesinnung, welche beratschlagten, was man am besten thun könne, um die Stadt schnell und sicher in die Hände der Angreifer bringen zu können. Unter den Männern befand sich auch Dr. Wendler, der nach Bremen gekommen war, um die Erbschaft seiner verstorbenen Verwandten zu regeln. Hier erst hatte er durch Lühring erfahren, daß seine Tochter mit ihrer Freundin die Stadt verlassen habe, zweifellos, um in das Heer einzutreten, aber wohin sich die beiden Mädchen gewendet, wußte auch er nicht zu sagen.

Dr. Wendler hatte die Mitteilung mit männlicher Ruhe und Festigkeit aufgenommen; war's auch nicht nach seinem Sinne, daß seine Tochter sich den Gefahren des Krieges und den mannigfachen Unannehmlichkeiten, welche das Verbergen ihres Geschlechts mit sich brachte, aussetzte, so war er doch andererseits so voll heißer Vaterlandsliebe, daß er dem patriotischen Zuge seines Kindes gegenüber nicht zürnen konnte. Der Himmel hatte ihm einen Sohn versagt, so gab er dem Vaterlande, wenn es sein mußte, seine Tochter.

Auch in dem Kreise, der sich bei Lühring zusammenfand, war er es, der den Ton angab und die andern mit seiner Begeisterung fortriß und mit seiner ruhigen Art stark machte. Eine Handvoll tapferer, braver Männer konnte nach seiner Meinung unter den gegebenen Verhältnissen viel erreichen. Wenn jeder von den Anwesenden rasch und heimlich unter den Gutgesinnten warb, so daß zu einer bestimmten Zeit, während ein Angriff von außen her erfolgte, zugleich der Kampf in den Straßen aufgenommen wurde, konnte der Erfolg nicht zweifelhaft sein.

Die Männer leisteten sich mit ineinander geschlagenen Händen den festen Eidschwur, Blut und Leben einzusetzen, um die Stadt von den Feinden zu befreien, und begannen über die Einzelheiten ihres Planes zu beraten. Spätestens am nächsten Morgen müßte die Erhebung geschehen. Zuerst mußte der Posten an der Kaserne überwältigt werden, damit es nicht an Waffen fehle, dann aber galt es sich des Osterthores zu bemächtigen, um dort die Freunde einzulassen.

Während dieser Beratungen dröhnte das dumpfe Geroll des Geschützes dazwischen und erregte die Gemüter noch mehr, so daß die Männer sich um nichts weiter kümmerten. Keiner wußte, daß bereits die Eingänge des Hauses besetzt waren, daß es auch in Bremen Verräter gab, und entsetzt fuhren sie alle auf, als mit einmal auf dem Flur vor dem Zimmer niedergesetzte Gewehrkolben klirrten und fast in dem gleichen Augenblicke die Thür geöffnet ward. Ein französischer Offizier mit gezogenem Säbel stand im Rahmen derselben, hinter ihm wurden französische Uniformen sichtbar, und er rief:

»Sie sind Gefangene! Versuchen Sie keinen Widerstand!«

Dr. Wendler hatte am raschesten seine Fassung; er trat einen Schritt vor:

»Mit welchem Rechte geschieht diese Verhaftung?« fragte er.