Zweites Kapitel.
Der Sturm bricht los.

Im Gasthause »Zum goldenen Scepter« in Breslau herrschte ein lautes, fröhliches Leben und Treiben, das einen ausgesprochen kriegerischen Charakter hatte. Jüngere und ältere Leute, zumeist in einfachen aber kleidsamen Uniformen gingen aus und ein, Gruppen standen im Hofe und vor dem Hause im lebhaften Gespräche beisammen, und ab und zu wurde wohl auch auf eine oder die andere Persönlichkeit besonders aufmerksam gemacht, und dann richteten sich aller Blicke nach derselben.

Eben war ein hochgewachsener kräftiger Mann in der Mitte der fünfziger Jahre, mit glattem Gesicht und geistvollen, scharfblickenden Augen in einfachem Civilanzuge zum Thore hinausgeschritten, und obwohl er incognito hier weilte, kannte man ihn doch; es war der Freiherr Karl von Stein, der vormalige preußische Staatsminister, der durch seine kraftvollen und volkstümlichen Reformen, welche auf Erhebung des Volkes abzielten, den Zorn Napoleons geweckt hatte, so daß er von diesem geächtet ward und nach Rußland fliehen mußte. Nach der Katastrophe von Moskau war er heimlich zurückgekehrt und half jetzt die Erhebung vorzubereiten.

Im »goldenen Scepter« befand sich das Hauptquartier des Majors von Lützow, des Mannes mit der Feuerseele, dem unbeugsamen Mute, der trotzigen Todesverachtung und der glühenden Vaterlandsliebe. In der Unglücksschlacht bei Auerstädt war er durch die Hand geschossen worden, aber er hielt bei den Trümmern seines Regiments aus, das sich nach Magdeburg rettete, wußte bei der Übergabe der Stadt sich frei zu machen und nach Kolberg zu entkommen, wo er sich dem wackeren Lieutenant Schill anschloß, der eben ein Freikorps zusammenwarb. Beim Überfall von Stargard durch dasselbe wurde Lützow am linken Fuße verwundet, und weil sein rastloser Eifer nur eine notdürftige Heilung seiner Wunden zuließ, nahm er 1808 als Major seinen Abschied. Für den feurigen Reiteroffizier brachte der Frieden ohnedies kein Behagen und keine Freude.

Da kam das Jahr 1813, und wie es sich allenthalben in Deutschland zu regen begann, da konnte auch Lützow nicht müßig rasten, und so erbat er sich ein Patent zur Bildung eines Freikorps, das er auch am 1. März erhielt. Und nun war er hier in der schlesischen Hauptstadt und sammelte Leute. Treffliche Menschen strömten ihm zu, und es war eine Lust, wie das Freikorps, das Reiterei und Fußvolk umfassen sollte, wuchs.

In der großen Stube im Erdgeschoß war das Bureau. Da saß an dem Eichentisch in der einen Ecke des Raumes der Hauptmann von Helmenstreit, eine prächtige militärische Erscheinung in der Mitte der dreißiger Jahre, den die dunkle Uniform mit den gelben Knöpfen und den schwarzen Aufschlägen, die der rote Vorstoß wirksam abhob, trefflich kleidete; auf dem Kopfe trug er auch jetzt den für die Lützower üblichen schwarzen Tschako mit Agraffe, Fangschnüren und seitwärts herabfallendem Haarbusch. Neben ihm saß ein junger Mann, gleichfalls mit der Litewka aus schwarzem Tuche bekleidet, und schien als Schreiber zu amtieren.

Es ging ziemlich geräuschvoll zu in dem Gemache, denn an allen Tischen, in allen Ecken saßen und standen Lützower und solche, welche es werden wollten. Eine Gruppe mochte wohl besondere Aufmerksamkeit erregen. Da saß die prächtige Jünglingsgestalt Friedrich Friesens aus Magdeburg, stützte den blonden Kopf auf die Hände und sah mit den großen blauen Augen träumerisch vor sich hin. Jetzt sollte es ernst werden mit dem, was man am Turnplatz geübt, und mit freudiger Zuversicht war er nach Breslau gekommen, wo er mit seinem Freunde Ludwig Jahn zusammentraf. Der war Lehrer an der Plamannschen Anstalt in Berlin gewesen und hatte auf der Hasenheide draußen seine Schüler und eine Anzahl junger Männer um sich vereinigt zu körperlichen Übungen, weil er wußte, daß das Vaterland bald nach kräftigen Armen suchen werde, und daß im gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne.

Jetzt saß er hier neben Friesen, ein Mann in seiner Vollkraft, mit breiter Brust und breiten Schultern, mit hellen Augen unter der bedeutenden kahlen Stirn, mit am Hinterhaupte schlaff herabfallenden Haaren und dem langwallenden, rötlich blonden Vollbarte. Er trug einen kurzen, schwarzen Rock mit Schnüren, und schaute schweigend nach dem dritten Mann an dem Tische. Der war jung und lebensfrisch, hatte ein von dunklen, um die Stirn gelockten Haaren umrahmtes prächtiges Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbärtchen über den roten Lippen, und wenn er die braunen Augen erhob, dann brach es daraus hervor, wie eine leuchtende Flut, und wer ihm einmal hineingeschaut, der vermeinte auch das brave, frische, treue Herz darin gesehen zu haben, und der konnte auch nicht von ihm lassen.

Jetzt saß er da und schrieb eifrig mit seinem Bleistifte in der Brieftasche. Das war Theodor Körner, der Dichter der Lützower, der sein Lied und sein Herzblut brachte.

Unfern der Thür hatte ein Lieutenant Platz genommen, der durch seine ganze Erscheinung besonders auffallen mußte. Seine Gestalt war groß und kräftig, sein Gesicht verwettert und gebräunt und ein langer, grauweißer Bart fiel ihm weit herab auf die breite Brust und bekundete einzig, daß der Mann auf der Schwelle des Alters stand. Aber seinem sonstigen Wesen und seinen Bewegungen hätte man das nicht angemerkt. Das war der Lieutenant Fischer, der schon im Siebenjährigen Kriege als gemeiner Reiter mitgefochten und später wieder im Rheinfeldzug gegen Frankreich als Wachtmeister sich ausgezeichnet hatte. Dann hatte er als Steuerbeamter in Schlesien gelebt, aber als der Ruf des Königs erklang, litt es den alten Soldaten mit dem Franzosenhaß in der Brust nicht mehr daheim.