Er gab Befehl, die Männer in das Gefängnis in den Kasematten abzuführen, und kaum eine Viertelstunde später wurde unter Trommelwirbel in den Straßen verkündet, daß, wer immer nur das Geringste thue, um mit dem Feinde in Beziehung zu treten oder gar ihm förderlich zu sein, dem Standrecht verfallen sei.

In finsterm Schweigen ward die Kunde entgegengenommen, aber die Herzen brannten, und als die Nachricht von dem Gewaltakt gegen ein Dutzend ehrsame und brave Mitbürger bekannt wurde, erreichte der Ingrimm seinen Höhepunkt. Von dem Walle her aber dröhnten unaufhörlich die Geschütze und das Kleingewehrfeuer, und in den Gassen explodierten noch immer Granaten.

So kam der Abend. Der eherne Mund der Kanonen verstummte, General Tettenborn ließ das Feuer einstellen. Gegen den Wall heran ritt Konrad Schmidt, den Säbel in der Scheide, ein weißes Tuch auf einem Stabe in der Linken, neben ihm ein Trompeter. Er kam, um im Auftrage des Generals zu verhandeln und Thuillier zur Übergabe aufzufordern. Der Trompeter blies, als sie beide hart an dem Graben standen, sein Signal, und Schmidt begehrte als Parlamentär sicheren Eingang in die Stadt. Zur Antwort krachten von dem Walle einige Flintenschüsse, deren einer den linken Arm des Trompeters streifte. Schmidt riß sein Pferd herum, und während er mit seinem Genossen zurückjagte, sausten ihnen die französischen Kugeln nach.

Die Nacht brach ein, Dunkelheit lag über der Stadt, nur die Wachtfeuer brannten hüben und drüben, und man hörte durch die Stille den Schritt der Posten und deren Anrufen. Da war eine Gestalt leise hinabgeglitten in den Stadtgraben. Geräuschlos mit geducktem Kopfe schlich sie gegen die Mauer und kam ungesehen bis an diese heran. Ebenso langsam kehrte sie zurück. Es war Walther, der die Tiefe des Grabens untersuchen wollte, und nun die Meldung machte, daß dieselbe höchstens 2–3 Fuß betrage. Da beschloß Tettenborn, den Sturm auf die Stadt zu wagen.

Aber er wollte den Feind erst einigermaßen sicher machen. Er ließ darum, als der Morgen angebrochen war, die Geschütze abfahren und zog die am Graben aufgestellte Tirailleurkette zurück, um die Franzosen glauben zu machen, daß er die Belagerung aufgebe. Da sich aber die Feinde auf dem Walle zeigten, so konnte es der General nicht hindern, daß beinahe plötzlich wieder ein heftiges Tirailleurfeuer begann. Unter den Franzosen erschien auch die Gestalt eines höheren Offiziers, der allerdings vorsichtig sich zurückhielt und immer eine Deckung zu suchen bemüht war, aber der scharfe Blick Walthers hatte ihn schnell gefunden, und nun ließ er ihn auch nicht mehr aus den Augen. Wie der Jäger auf seine Beute, so lauerte er auf das Aufglänzen der goldenen Tressen, und während ringsum die Schüsse krachten, hielt er mit kaltblütiger Ruhe seine Büchse bereit zur That. Jetzt erschien für einen Augenblick wieder die Gestalt des Offiziers auf dem Walle, in ziemlicher Entfernung freilich, aber sofort hatte Walther die Waffe an der Wange, der Schuß krachte, und aus der lebhaften Bewegung, die an der Stelle entstand, wo der Franzose verschwunden war, konnte der Förster wohl schließen, daß er sein Ziel nicht verfehlt habe.

Die Bestätigung dafür blieb gleichfalls nicht aus. Gegen Mittag erschien bei den Lützowern ein wassertriefender Mann, der durch den Graben geschwommen war; er brachte die Nachricht, daß der Oberst Thuillier gefallen sei und der Major de Vaillant, ein Schweizer, das Kommando in Bremen übernommen habe, der wenig geneigt sein dürfte, den Kampf fortzusetzen. Auch davon unterrichtete der Ankömmling, daß man eine Anzahl patriotischer Bürger gefangen genommen habe und in den Kasematten festhalte, und daß dieselben bedroht seien, wenn ihnen nicht bald Hilfe käme.

Tettenborn war angesichts dieser Mitteilungen zum Sturme entschlossen und wollte eben die nötigen Befehle erteilen, als ein Parlamentär aus der Stadt erschien, welcher das Anerbieten einer Übergabe zu machen beauftragt war. General Tettenborn schickte den Obersten von Pfuel zu dem Stadtkommandanten zu weiteren Verhandlungen, und in Bremen sowohl wie bei den Belagerern sah man mit Unruhe und Aufregung dem Ausgang derselben entgegen.

Der Major de Vaillant verlangte einen Aufschub von 24 Stunden, Pfuel aber die Öffnung der Thore und Unterzeichnung der Kapitulation binnen einer Stunde. Die Verhandlungen zogen sich ungebührlich in die Länge und es ward allmählich Abend, so daß Tettenborn für diesen Tag vom Stürmen absehen mußte. Aber am nächsten Morgen ließ er von mehreren Seiten die Sturmkolonnen heranrücken – die Trommeln wirbelten, die Hörner riefen …

Da erschien auf dem Stadtwalle die weiße Fahne. Eine Viertelstunde später war die Kapitulation unterzeichnet. Die Besatzung erhielt gegen die Verpflichtung, ein Jahr lang nicht gegen die Verbündeten zu kämpfen, freien Abzug mit Waffen und Fahnen, die Sieger aber gewannen bedeutende Magazine mit Munition, große Niederlagen an Tuch und Lebensmitteln, eine Kasse mit 260 000 Francs, 200 Pferde und 16 Geschütze.

Um die zehnte Morgenstunde hielt Tettenborn mit seiner kleinen Armee seinen Einzug in die Stadt. Von den Türmen läuteten die Glocken, in den Gassen drängte sich die jubelnde Bevölkerung. Aus den Fenstern wehten Tücher, und Blumen regnete es nieder auf die Einziehenden. Besonders aber waren die Lützower Gegenstand der Aufmerksamkeit und der Begeisterung. Wohl waren ihre Uniformen meist abgenützt und unansehnlich geworden, ihre Pferde sahen durch den aufreibenden Vorpostendienst heruntergekommen aus, aber aus den Gesichtern all dieser Männer leuchtete eine Freudigkeit und ein Kampfesmut, der etwas hinreißendes hatte.