Eine Abteilung der Infanterie unter Oberjäger Walther war nach den Kasematten geschickt worden, um die dort gefangen gehaltenen Bürger zu befreien. Aus den geöffneten Kerkern traten die Männer, die nahe daran waren, Märtyrer ihres Patriotismus zu werden, und streckten ihren Befreiern die Hände entgegen.

Da stand Dr. Wendler plötzlich vor einem ihm bekannten Antlitz, und er schrak wie vor einer Erscheinung davor zurück. Der junge, frische Lützower aber, dem das Gesicht gehörte, war nicht minder erschrocken.

»Vater!« stammelte er – »verrat' mich nicht!«

Wendler war nicht der Mann, der so leicht die Fassung verlor; zudem war er nicht unvorbereitet, und so reichte er seinem Kinde schweigend die Hand; das aber sank ihm, überwältigt von diesem Augenblicke, an die Brust. Erstaunt sahen das seine Kameraden, Walther aber sagte laut: »Es ist sein Vater!« und zu Elise gewendet fügte er bei:

»Schweizer, ich gebe Ihnen bis morgen früh Urlaub, um das Wiedersehen feiern zu können …«

»Und darum wage ich gleichfalls zu bitten!« sagte Eduard Krause, neben welchem mit Thränen in den Augen der Zimmermeister Lühring stand.

»Ist bewilligt!« erwiderte Walther, dann trat er an Wendler wie an Lühring heran, denn unwillkürlich hatten sich die beiden kleinen Gruppen gegenseitig genähert, und reichte den beiden Männern die Hände:

»Sie haben sich gehalten und geschlagen wie jeder andere Brave – seien Sie ihnen nicht böse. Ihr Geheimnis kennt außer mir niemand. Was Sie weiter thun wollen, steht bei Ihnen!«

Sie drückten fest die Hand des wackeren Försters, und Lühring lud ihn in sein Haus. Walther versprach auch zu kommen, wenn es der Dienst erlaube, und während die Befreiten bereits davon eilten zu ihren besorgten Familien, marschierte der Oberjäger mit seiner kleinen Schar durch die belebten Gassen, durch welche immer neue Jubelrufe erklangen, nach dem Dome.

Dort hatten sich die Sieger zu einem Dankgottesdienst zusammengefunden. Die Hallen des ehrwürdigen Gotteshauses vermochten sie kaum alle zu fassen. Vornan standen die Lützower Reiter, dann die übrigen vom Freikorps, und hinter ihnen drängten sich die bärtigen, gebräunten Gesichter der Kosaken. Die Orgel brauste in kräftigen Akkorden zu dem »Herr Gott, Dich loben wir!« und dann sprach vom Altare aus der Prediger in kräftigen und erhebenden Worten. Als er endete, traten zu seinen beiden Seiten die Rittmeister Fischer und von Petersdorff hin.