Der alte Offizier mit seinem weißen Barte und seinem wetterbraunen Gesichte mit den vielen Runzeln und Falten reckte seine Gestalt hoch empor; in seinem Antlitze zuckte es seltsam, man merkte, daß er sehr erregt war, und jetzt klang mit einmal seine Stimme, rauh, heiser und doch vernehmbar bis in den letzten Winkel der Kirche, über welcher ein tiefes Schweigen lagerte:
»Kameraden! Ich weiß zwar nicht, ob ich hier reden darf, aber das Herz ist mir zu voll, und was ich sagen will, ist auch zur Ehre Gottes. Er hat es uns vergönnt, diese gute deutsche Stadt dem Feinde abzugewinnen, und wir haben nur wenige brave Mitstreiter dabei verloren. Kameraden, laßt uns bei diesem Erfolge an unseren Anfang denken in der Dorfkirche zu Rogau, und laßt uns noch einmal vor Gott den Eid erneuern, daß wir nicht weichen wollen von der Sache des Vaterlandes, daß wir Blut und Leben daran setzen wollen, es frei zu machen. Kameraden, hebt eure Hände: Gott strafe den Schuft, der seinem Eide treulos wird!«
Der Alte hatte sein breites Schlachtschwert gezogen, der Rittmeister von Petersdorff kreuzte damit seine Waffe, und wer immer herantreten konnte, legte seine blanke Klinge darauf, die andern aber hoben ihre Hände, und in das tiefe, heilige Schweigen klang die Stimme des Predigers:
»Der Herr hat's gehört, der Herr sei mit Euch und mit Euren Waffen jetzt und immerdar, der Herr sei mit allen braven Streitern und mit dem lieben Vaterlande – Amen!«
Auch Elise und Anna Lühring waren mit ihren Vätern im Gottesdienste gewesen, dann aber waren sie nach des Zimmermeisters Hause gegangen, dessen Frau sich vor Freude kaum zu fassen wußte, wenn sie auch über das seltsame Aussehen ihres Kindes noch ganz verwundert war.
Vergnügt saß man bei Tische – man hatte sich ja so viel zu erzählen – das Mutterherz aber hing doch nur einem Gedanken nach: die Tochter wieder aus diesen unweiblichen Verhältnissen herauszubringen, und sie sprach das endlich auch in rührenden Worten aus. Ein Augenblick des Schweigens folgte, die beiden Väter mochten ja das Berechtigte und Wahre dieser mütterlichen Bitte anerkennen, aber Anna Lühring sprach mit gesenktem Haupte:
»Mutter, sollen wir fahnenflüchtig werden – heute, da wir im Gotteshause erst die Hände mit zum Schwur erhoben haben, dem Vaterlande Blut und Leben zu weihen?«
Auch Elise sagte:
»Tausend Eltern bringen ihre Kinder dem Vaterlande in diesen Tagen, sollen wir zurückstehen müssen, nur weil der Himmel es uns versagt hat, Jünglinge zu sein? Denn wenn wir das wären, würdet Ihr uns da zurückhalten wollen?«
»Der Kampf ist aber einmal nicht Sache der Frauen und Jungfrauen,« sprach die Mutter – »es giebt für diese noch ein anderes Feld, ihre Vaterlandsliebe zu zeigen; sie gehören in die Spitäler, an die Betten der Verwundeten.«