»Und ich bin geritten Nacht und Tag, daß mir der Gaul unter den Schenkeln zuletzt zusammenbrach … und nun bin ich da – Hurra! Viktoria!«
»Hurra, Viktoria!« schrie der Förster mit dröhnender Stimme.
Der Wein war gekommen; er blinkte in den Gläsern goldhell, und es klang zusammen wie das Läuten von Glocken.
»Und nun eins nach dem andern, mein Junge! Nun erzähle ordentlich, wie sich's begeben hat!«
»Nun, Vater, als ich von dir fortging, wandte ich mich gegen Schlesien und trat unter dem General York in die Reiterei. Zunächst gab's eine müßige und abwartende Zeit, die gar nicht nach meinem Sinne war, bis der alte Marschall Vorwärts des Wartens überdrüssig wurde und nun über die Elbe vorzurücken befahl, denn alle Armeen der Verbündeten sollten sich zusammenschließen zu einem Hauptschlage. Und am 3. Oktober – es war just ein Sonntag und ich werde ihn niemals vergessen – gingen wir mit dem grauenden Morgen bei Wartenburg über die Elbe auf Pontonbrücken, und drüben in gedeckten Stellungen stand der Feind. Seine Geschütze warfen ihr Verderben in unsere Reihen, und im teilweise offenen Gelände wurden unsere braven Leute zusammengeschossen wie das Wild. Aber ein Wanken und Weichen gab es nicht. Wir haben gesungen bei der Blutarbeit: Prinz Eugen der edle Ritter! und der alte General Horn, dem das Pferd unter dem Leibe erschossen war, nahm eine Muskete und schritt an der Spitze eines Bataillons voraus, und gerade hinein in das umkämpfte Wartenburg. Da war's, wo ein paar Geschütze uns schweren Schaden anrichteten. Unser Lieutenant rief: Kinder, die holen wir uns; und, so schlecht das Terrain war, wir sausten mit verhängten Zügeln vorwärts. Da stürzt der Lieutenant, mitten durch die Brust geschossen, aber weiter ging's. Es kam manch' einer noch aus Sattel und Bügel, aber jetzt war's alles eins. Wer kümmert sich in solchen Augenblicken um Sterben und Verderben! Ich weiß nur, daß ich zuerst bei den Geschützen ankam, unverletzt, wie ein Rasender in die Bedienungsmannschaft einhieb, bis ich keinen mehr sah von derselben, dann aus dem Sattel und nun mit einigen Kameraden die Geschütze gegen die Franzosen gerichtet. Die waren nicht wenig verdutzt, und der General Bertrand schickte eilig zwei Ordonnanzoffiziere, in der Meinung, daß hier württembergische Truppen irrtümlich auf seine Leute feuerten. Der eine sah beizeiten seinen Irrtum ein und reterierte, den andern habe ich gefangen. Dafür aber habe ich mein Kreuz erhalten.«
Walther hatte beinahe atemlos zugehört; mit leuchtenden Augen saß er da und nickte nur ab und zu Konrad zu, als ob er ihm sagen wollte:
»Und das ist mein Junge!«
Jetzt schenkte er die Gläser wieder voll, aufs neue klangen sie zusammen, und der Alte sprach:
»Jetzt aber, wie war's mit Leipzig?«
»Ja, Vater, erzählen läßt sich das nicht – das muß man mit erlebt haben. Es war ein großes Kesseltreiben; die Nordarmee, die böhmische und die schlesische Armee waren richtig zur Stelle, hielten Napoleon eingeschlossen, und am 16. Oktober begann das große Schauspiel der Völkerschlacht, von dem noch Kindeskinder und Urenkel erzählen werden. Auf den Höhen von Wachau hatte der Franzosenkaiser eine starke Stellung, hundert Kanonen sandten ihren Kugelregen gegen die anstürmenden Preußen und Russen und warfen sie reihenweise nieder; in Strömen floß das Blut, aber die Höhen wurden genommen. Wir jedoch, die schlesische Armee, haben unsere Blutarbeit an einer andern Stelle gethan. Wir kamen unter dem Marschall Vorwärts von Halle her und warfen uns gegen den rechten Flügel der Franzosen. Wir Yorkschen waren in der Vorhut, und uns vor allen lag daran, den Schlüssel der feindlichen Stellung, das Dorf Möckern, zu gewinnen. Der Marschall Marmont war kein schlechter Gegner, aber unser alter braver York war ihm gewachsen. Im Sturmschritt gingen unsere wackeren Bataillone vor, doch das Geschützfeuer der Franzosen ist zu sehr überlegen. Da läßt York, der mitten im Kugelregen stand, seine eigene schwere Artillerie anfahren, und nun erhub sich ein Dröhnen und Donnern, wie es selten wohl auch von ergrauten Kriegern gehört worden sein mag. Und wieder stürmen dabei unsere braven Leute vorwärts, und um jedes Gehöft, um jedes Haus wird heiß und blutig gestritten; Pardon wird nicht gegeben, nicht genommen. Aber schon ist ein Dritteil der Mannschaft erlegen, tot oder verwundet; York bietet seine letzten Truppen auf, die wieder mit gefälltem Bajonett, mit Todesverachtung vordringen, und die abermals von dem furchtbaren Geschützfeuer zurückgeworfen werden. Noch standen wir Reiter, doch die Herzen pochten uns beinahe hörbar und wir warteten mit Aufregung aber auch mit Sehnsucht auf den Augenblick, da wir drankommen sollten. Da kommt York mit verhängten Zügeln herangeritten. «Major von Sohr, attackieren!» ruft er schon von weitem. «Trompeter, Trab!» ist die Antwort des Majors. Das Signal ertönt; fest gestemmt in den Bügeln braust das Regiment vorwärts gegen den Feind. Hurra! ruft der Major und hebt den Säbel, eine Kugel trifft ihn in den rechten Arm, er nimmt die Waffe in die Linke, und mit wildem, begeistertem Hurrarufen jagen wir hinter ihm drein, hinter uns im Laufschritt das noch übrige Fußvolk mit gefälltem Bajonett. York reitet an der Spitze der schwarzen Husaren und nun geht es – es lebe der König! – vorwärts! Uns gegenüber sehen wir die französischen Flintenläufe aufblitzen, eine Batterie rückt von der Seite heran und ist eben daran abzuprotzen – die nächsten Augenblicke brachten wohl manchem sein letztes Ende – da kracht und dröhnt es mit einmal, als ob die Erde geborsten wäre, weißer dichter Qualm steigt über den Franzosen empor, dazwischen fliegen Stücke von zertrümmerten Wagen, Glieder von Menschen und Pferden, und wir ahnen mehr die Verwirrung unter den Feinden, als wir sie sehen können. Einige Munitionswagen waren in die Luft geflogen, und besseres konnte in diesem Augenblicke für uns nicht geschehen. Jetzt brachen wir wie Gottes Wetter in die bestürzten Franzosen ein, die in wilder Auflösung zurückwichen. Hei, wie haben wir die Infanterie auseinander gesprengt, und im Augenblick hatten wir uns der Geschütze bemächtigt – es war ein voller, glänzender, freilich auch blutig erkaufter Sieg, denn das Yorksche Korps hatte etwa ein Fünftel seiner Leute verloren. Wir Überlebenden aber haben aus dem blutgetränkten Felde beim sinkenden Abend unsern Choral gesungen: Nun danket alle Gott! – Das war am 16. Oktober gewesen, der 17. war im allgemeinen ein Rasttag, nur der Vater Blücher machte eine frische Reiterattacke, der 18. Oktober aber brachte die Entscheidung beim Dorfe Probstheida, wo der französische Löwe seinen letzten Schlupfwinkel verzweiflungsvoll verteidigte. Doch all' sein Ringen war vergebens, und seine eigenen Verbündeten haben ihn im Stich gelassen. Bei Schönefeld und Paunsdorf gingen 8000 Sachsen und Württemberger mit 38 Geschützen zu uns über, nachdem beim «Heitern Blick» zuerst zwei sächsische Reiterregimenter, den Säbel in der Scheide, zu den Blücherschen hinüber getrabt waren. So hat Gott uns geholfen und unsere Kraft und Einigkeit. Mich aber hat der alte York selber belobt auf dem Schlachtfeld, hat mich zum Unteroffizier ernannt und hat mir die Gunst gewährt, um die ich ihn gebeten habe, die Siegeskunde weiter tragen zu dürfen, und so bin ich da – hurra, Viktoria!«