Und wieder wenige Wochen später schritt ein Wanderer von der Höhe herab, die in das freundliche Thüringer Dorf führte, in welchem Konrads Vater Pastor war. Er trug ein leichtes Gewand, ein Ränzel auf dem Rücken und den Stock in der Hand, wie ein fahrender Schüler. Auf der Höhe hatte er ein Weilchen stillgestanden, die Augen mit der Rechten beschattet und hinabgeblickt auf die kleinen Häuser und hinüber nach der Kirche. In junges Frühlingsgrün hineingebettet lag das Dorf und grüne, blühende Büsche verdeckten die Grabkreuze des Friedhofs, nach denen sich wehmütig der Blick des jungen Wanderers richtete.

Es war Konrad, und langsam, mit bewegter Seele schritt er nun abwärts und dachte an seinen Vater und an seine Mutter. Wie er in die Kastanienallee einbog, die nach dem Gutshofe führte, kamen ihm mit langsamem Schritte zwei alte Herren entgegen. Er erkannte sogleich den einen, ja er sah nur diesen einen, mit seinem milden, gütigen Gesicht und dem weißen Haarkranz, der aus dem dunkeln Hute sich hervordrängte, und beflügelten Fußes eilte er ihm entgegen.

Da er nahe war, sah ihn auch der alte Herr.

»Konrad, mein Junge!« rief er, und wenige Augenblicke später hielten sich Vater und Sohn umschlungen. »Ich hab' dich wieder, mein Junge, heil und gesund – der Herr segne deinen Eingang!« sagte der Pastor an der Brust seines Sohnes, dann tastete er an dessen linkem Arm herum:

»Ist er auch ganz gesund und brauchbar wieder, Konrad?«

»Ganz geheilt, Dank der trefflichen Pflege meiner Braut, und der König hat mir ein herrlich Pflaster für die Wunde gegeben – das eiserne Kreuz!«

»Das eiserne Kreuz! Wie mich das freut – o daß deine Mutter dich sähe! Aber sie sieht's, sie sieht's mit ihren verklärten Augen aus himmlischen Höh'n! … Aber willst du nicht auch Herrn Bastian begrüßen?«

Jetzt erst sah Konrad den Begleiter seines Vaters näher an. Er hätte in dem greisenhaften, zusammengebeugten Manne nicht den frischen, stattlichen Gutsherrn von ehedem erkannt. Wie gebrochen stand derselbe da und wischte sich mit seinem Taschentuche die Thränen aus dem vergrämten Gesicht.

Konrad reichte ihm tief ergriffen, schweigend die Hand; jener aber sprach:

»O daß mir eine solche Stunde im Leben beschieden gewesen wäre; ich wollte mit Freude zur Grube fahren – jetzt aber muß ich verzweifeln und muß mich schämen, wenn jemand nach meinem Sohne frägt!«