Dann war es einen Augenblick tiefstille in dem kleinen Gotteshause bis auf das verhaltene Schluchzen der Weiber und Kinder, aber aus manchem Mannesauge rollten heiße Thränen stumm hernieder auf Wange und Bart. Wie in Unmut wischte manche Hand über das Antlitz, und manches Gesicht verzog sich scheinbar ingrimmig, als ob sein Eigentümer sich seiner Rührung schäme; als aber nun die Orgel wieder einsetzte und überging in die machtvolle Weise des erhebenden Lutherliedes, da strömten die vollen Herzen ihr heißes Empfinden aus, und machtvoller ist wohl selten des großen Reformators Streit- und Siegeslied erklungen, als in der kleinen Dorfkirche in Rogau in jener geweihten Stunde.
Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen …
Das brauste und brandete an den Mauern des schlichten Gotteshauses und dröhnte hinaus in den freundlichen Frühlingstag, und die Menschen draußen stimmten mit ein in den Choral, und in der Höhe jubilierten und jauchzten die Lerchen ihr schmetterndes Lied darein. Die Männer in dem Kirchlein aber hatten ihre Waffen gezückt und schwangen sie über den Häuptern, so daß blitzende Funken wie feurige Zungen des göttlichen Geistes über ihren Häuptern hinwegflogen; da und dort klirrten sie wohl auch mutig zusammen, und als der Choral verklungen war, erklang ein dröhnendes Vivat! der deutschen Freiheit, daß die Wände zu erzittern schienen und die Herzen überwallten.
Segnend breitete der Prediger seine Hände aus, noch einmal war es still und über die gesenkten jungen und alten Häupter klang das Segenswort:
»Der Herr segne und behüte euch. – Der Herr erhebe sein Angesicht über euch und gebe euch seine Kraft und den Sieg der heiligen Sache!«
Und abermals klirrten die Waffen zusammen, dann aber sanken die Männer, überwältigt von der Macht des Augenblicks, sich an die Brust, und kräftige Hände legten sich ineinander. Friedrich Friesen und Theodor Körner hielten sich ganz nahe beim Altar umschlungen – der Achilles und der Tyrtäus der kleinen Freischar – und über ihren einander zugeneigten Häuptern spielte das Sonnengold. Keiner vermochte zu reden, durch die Seelen Beider aber zitterte wohl in jenem Augenblicke die Ahnung, daß sie ihr Leben lassen würden im heiligen Streite, aber kein Bangen und Grauen erfüllte die Herzen, sondern eine heilige Kampfes- und Sterbenslust.
Auch Konrad Schmidt und Zander hatten die Hände fest in einander gefügt wie zum Bunde auf Leben und Sterben, und nun drängte der Förster Walther heran und zog Konrad an seine Brust:
»Ich will denken, du wärst mein Sohn!« sagte er und die Sprache wollte ihm vor Rührung beinahe stocken. – »Welch eine Stunde! Hab' Dank, mein Junge, daß du mich herausgeholt hast aus meinem Walde!«
»Mein Vater, mein Freund!« stammelte der Jüngling und preßte sich fest an die breite Brust des Alten, dem die Thränen in den grauen Bart über die verwetterten braunen Wangen niederrollten. Dann riß er sich los, um andere Hände zu drücken, wie sie von allen Seiten sich ihm entgegenstreckten.