»Hier herein geht der Weg nur über mich!« dann die Erwiderung des Franzosen: »Wenn Sie es nicht besser wünschen,« und gleich darauf einen lauten schmerzlichen Aufschrei seiner Mutter. Da vermochte er sich nicht zu halten; gewaltsam riß er sich von dem Freunde los, und im nächsten Augenblicke stand er an der Thür. Er sah seine Mutter auf dem Boden liegen, seinen Vater über sie gebeugt, und wußte, daß der Franzose sie roh und gewaltsam niedergestoßen hatte, als sie ihm den Weg verwehren wollte. Ihm schwand auch der letzte Rest der Überlegung, und voll Wut stürzte er sich gegen den Chasseur, der eben eindringen wollte.

»Elender Bursche – das meiner Mutter?« schrie er und würgte dann mit seinen Fäusten den Franzosen, der sich bemühte, ihn abzuschütteln. Er drängte ihn hinaus in den Hof, und die übrigen Chasseurs waren im ersten Augenblick so verdutzt, daß sie wie erstarrt standen. Dann aber kam Leben in alle Beteiligten, und mit großer Schnelle spielte sich das nun Folgende ab.

Entsetzt hatte die Mutter bei dem Selbstverrat des Sohnes sich emporgerafft und wurde von dem Vater umklammert, den jetzt ein kaltes Entsetzen erfaßte, aus dem Hause war Zander herbeigesprungen, der auf jede Gefahr hin den Freund nicht im Stiche lassen mochte, trotzdem er wie dieser wehrlos war. Einer der Franzosen schrie, auf die verräterischen Beinkleider der beiden Lützower weisend: »Das sind sie!« Der Chasseur, welchen Konrad gepackt hatte, riß sich los, sprang zurück, zog in Wut und Aufregung sein Pistol, in demselben Moment aber hatte auch die Frau sich losgerissen aus dem Arme des Gatten und warf sich schützend vor den Sohn. Da krachte der Schuß, und ohne einen Laut, in's Herz getroffen, brach die opferfreudige Mutter an der Brust Konrads zusammen.

Der that einen Aufschrei wie ein zum Tode verletztes Tier, und während der Pfarrer herzusprang, sank er selber neben der teuren Toten nieder und küßte ihr die Hände und schluchzte … unbekümmert um alles andere.

Das Ereignis blieb selbst auf die Franzosen nicht ohne Eindruck. Sie standen regungslos und wagten nicht, den Sohn von der Mutter hinwegzureißen oder sich an Zander zu vergreifen, der sich zu dem Freunde niederbeugte und ihm den Arm um die Schulter legte.

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Es war mit einem Male tiefstille geworden, und in die Stille hinein klang naher Hufschlag. Der weiche Boden hatte denselben gedämpft, so daß man ihn erst merkte, als die Reiter schon da waren, und aufschreckend erkannten die Franzosen die ernsten Uniformen von Lützower Husaren. An ihrer Spitze ritt ein Offizier mit gebräuntem Gesicht und weißem Bart, der einen seltsamen, unheimlichen Sarraß in der Hand schwang – der alte Fischer. Er rief:

»Ergebt euch! Werft die Waffen weg, wenn ihr Pardon wollt!«

Der französische Unteroffizier sah einen Augenblick sich um, dann erkannte er angesichts der Überzahl der Feinde, daß kein anderer Ausweg sei, und in der nächsten Sekunde flog sein Säbel klirrend zu Boden. Die andern Chasseurs folgten seinem Beispiel, und nun stiegen einige von den Lützowern ab. Da erst sah Fischer, wen er vor sich habe und was hier geschehen war.

»Schmidt, Zander! Um Gottes willen – was ist hier?«