»Ihr meint wohl, ich kenne Euch nicht? – Die Prügel in der Altmark sind Euch gutgeschrieben, und die Zeit kommt, da ich sie heimzahle!«

»Pfui, schämt Euch!« erwiderte Konrad. »Seid Ihr ehrlicher und braver deutscher Eltern Kind, und könnt in dieser Zeit der Not des Vaterlands Rachegedanken hegen? – Pfui!« Er schritt weiter, und der andere hielt ihn nicht auf. In seiner Seele mochte es doch einen Winkel geben, wo ein besseres Empfinden ruhte, und die Erinnerung an seine Eltern hatte vielleicht in diesen Winkel hineingeleuchtet.

Am nächsten Morgen sollte Körner nach Leipzig gebracht werden. Häußer hatte den Gehilfen nach einem andern Dorfe geschickt in einer geschäftlichen Angelegenheit, und nachdem man sich überzeugt, daß er gegangen, wurde der Verwundete sorgsam aus seiner Stube herabgeführt und auf einem leichten Korbwagen zwischen weichen Decken gebettet. Er trug ländliche Kleidung, hatte die Haare schlicht nach Bauernart gekämmt, sein Schnurrbärtchen beseitigt, und lehnte nun wie ein richtiger kranker Junge vom Lande in dem Sitze. Er hatte herzlichen Abschied von Konrad genommen und ihn brüderlich geküßt; dann sagte er:

»Tausend Dank für all deine Liebe, und laß uns beten, daß unser und unserer Brüder Blut nicht umsonst geflossen sei. Gott bewahr' uns jetzt vor einem schlechten Frieden! Drauf und drein auf die französischen Schelme und unter Lützows Reitern auf Wiedersehn!«

Schmidt fühlte, wie es ihm feucht in die Augen kam, und Häußer, der neben Körner saß und den Zügel des Pferdes hielt, strich sich mit der rauhen Hand über das Gesicht. Ein letztes Winken, der Gaul zog an, und das Gefährt rollte auf der Straße gegen Leipzig hin und kam ohne Schwierigkeiten vor das Haus Dr. Wendlers. Der Sänger von »Leyer und Schwert« war geborgen.

An demselben Vormittag verließ auch Schmidt in seiner ländlichen Kleidung, als Gärtnergehilfe, das gastliche Haus in Großzschocher, um die Reste seines Freikorps aufzusuchen, zuvor aber, wenn möglich, noch einmal seinen Vater und das Grab seiner Mutter zu sehen.

Als es in Großzschocher zu Mittag läutete, war der Gehilfe Jakob wieder zurück; er fand nur Lene daheim, die ihm das Essen vorsetzte und sich dann wieder zurückziehen wollte.

»Wo sind denn die andern?« fragte der Bursche.

»Welche andern?«

»Je nun, der Meister und die zwei Lützower« – sagte der Mensch höhnisch. – »Sie sind wohl entwischt? – Höre, Lene, auf das hin könntest du mir doch einen Kuß geben!«