Er wollte sie umarmen, aber das Mädchen stieß ihn erregt zurück.

»So weit sind wir nicht!«

»Hei!« lachte er zornig und spöttisch zugleich, und es schien, als ob er auf seinem Wege getrunken hätte – »hei! Was soll denn das Sprödethun? – Ich hab euch doch in der Hand alle beide, dich und deinen Vater, und den kranken Lützower dazu; der kann nicht weit sein, höchstens in Leipzig …«

Heiße Röte des Ingrimms und der Erregung stieg Lene ins Gesicht, aber sie würdigte den Burschen keiner Antwort, sondern ging hinaus; finster blieb er zurück, er ließ sein Essen fast unberührt, und dann machte er sich an seine Arbeit, fleißiger, als er seit langem gewesen war.

Gegen Abend kam Häußer heim und erfuhr von seiner Tochter die Äußerungen des Burschen. Auch in ihm erwachte der Zorn; er suchte ihn auf im Garten und sprach:

»Jakob, wir sind geschiedene Leute. Drohen lasse ich mir und meiner Tochter nicht. Und wenn du meinst, uns in der Hand zu haben, so geh hin und erzähle, was du weißt. Sie können mir Haus und Garten, vielleicht auch mein Leben nehmen, aber besser als braver deutscher Mann sterben und verderben, wie als Schurke und Verräter am Vaterlande leben. Das ist meine Meinung, und hier ist dein Lohn und dort die Thüre!«

Der Bursche erwiderte nichts; schweigend legte er den Spaten weg, nahm das Geld und ging ins Haus, seine Sachen zu holen. Noch an demselben Abend verließ er das Dorf. Vor demselben auf einer kleinen Anhöhe stand er eine Weile, sah den letzten Sonnenschein über die kleinen, friedlichen Hütten hinhuschen und erwog, wohin er sich wenden sollte. Hier führte die Straße nach Leipzig – zum Verrat, zu den Franzosen, dort hinaus in preußisches Land. Da kam ein Bauer vom Felde her; sein kleiner Junge lief ihm entgegen und rief jauchzend: »Vater, Vater!« Der Mann aber nahm sein Kind auf seinen Arm, schwenkte es einigemale durch die Luft und zog es dann an sich und küßte es.

Da ward es dem Burschen seltsam zu Sinne; er gab sich einen plötzlichen, heftigen Ruck und wandte sich auf die Straße, die ins Preußenland führte.

Fünftes Kapitel.
Im Königreiche Westfalen.

Es war ein milder Sommerabend, als Konrad Schmidt in seiner bäuerlichen Tracht in das Thal herabstieg, in dem sein Heimatsdorf lag. Der Kirchturm hatte ihn schon von ferne begrüßt und die große Linde auf dem Friedhof, und das Herz schlug ihm erregter. Seiner Mutter, die für ihn gestorben war, galt zumeist sein Denken, ihren Hügel wollte er zuerst aufsuchen. Auf einem Feldwege schritt er dahin, ließ den Gutshof zur Seite liegen und kam hinter der Kirche her. Durch die offene hölzerne Pforte betrat er die Ruhestätte der Toten, deren heiliges Schweigen nur durch den Gesang der Vögel aus den Lindenzweigen her unterbrochen ward. Ein leichter Blumenduft lag über den schlichten Gräbern, und auf manch einem von ihnen blühten die Rosen.