Nahe an der Kirchenwand war das Grab seiner Mutter, und Konrad sah schon von weitem, daß auch hier der Schmuck des Frühlings nicht fehlte. Ein einfaches Holzkreuz stand zwischen den Rosenbüschen, das trug auf einer Blechtafel den Namen der Toten und darunter die Worte: »Sie starb für das Vaterland und für ihren Sohn.«

Eine unendliche Wehmut erfaßte den Jüngling; er lehnte den Kopf gegen den Querbalken des Kreuzes, umklammerte dies mit beiden Armen, als wäre es die Teure, die hier schlief, selbst, und die Thränen rannen ihm aus den Augen. Er war so versunken in seinem Schmerze, daß er nicht die Schritte vernahm, welche von der Kirchenecke herkamen und durch den weichen Boden allerdings gedämpft wurden.

Zwei bejahrte Männer traten heran, und der eine mit dem weißen Haar und dem dunklen, langen Gehrock legte ihm jetzt sanft die Hand auf die Schulter. Da wendete er sich um und im nächsten Augenblicke lagen die beiden einander in den Armen, und der dritte stand seltsam ergriffen dabei.

Es waren Pfarrer Schmidt und der Gutsherr Bastian.

»Hier sind wir auseinander gegangen, hier finden wir uns wieder,« sagte der Pfarrer – »gelobt sei Gott, daß du lebst.«

Auch Bastian trat herzu und grüßte ihn mit herzlichem Händedruck.

»Wir haben schwere Sorge gehabt um Sie und um meinen Jungen, als wir die schmachvolle Geschichte von Kitzen gehört haben,« sagte er, »aber es wird wohl wieder ins Gleis gebracht werden, wenn nur erst dieser gottverlassene Waffenstillstand zu Ende sein wird. Heute Abend aber, denk' ich, kommt ihr beiden zu uns, mein Weib wird auch etwas hören wollen.«

Sie standen noch einige Augenblicke schweigend an dem Grabe, dann verließen sie den Friedhof. Am selben Abend aber saßen vier Menschen um den reichlich gedeckten Herrentisch des Gutshofs, und Konrad, der sein eigenes Gewand wieder angelegt, erzählte von dem empörenden Bruche des Waffenstillstands und von dem Schicksale Theodor Körners. Er dagegen erfuhr erst jetzt, welche Verluste das Freikorps gehabt, und wie über 300 brave Reiter teils tot, teils gefangen waren.

Erst heute war eine Kunde eingetroffen von Bastians Sohne, der glücklich mit entkommen war und der nun flüchtig mitteilte, wie Lützow selbst durch die Opferwilligkeit des braven Husaren Gebhardt gerettet wurde, bei Merseburg mit einem kleinen Häuflein von Reitern die Saale überschritten und dann in einem Walde bei Sangerhausen kurze Rast gehalten habe. Der wackere Amtsrat Breymann bei Bernburg habe Lebensmittel und Fourage beschafft, auch für Kähne gesorgt zum Elbübergang, und am 21. habe man unter guter Führung den Marsch angetreten gegen Sandersleben und Plötzkau, um die Elbe zu überschreiten und nach Havelberg zu gelangen, wo der übrige Teil des Freikorps, zumal die Infanterie, ihr Lager aufgeschlagen hatte.

Diese Nachrichten erfüllten Konrad mit Freudigkeit und Mut, und schon am nächsten Tage gedachte er aufzubrechen und seinen Kampfgefährten nachzueilen. Bastian aber mahnte ihn, einige Tage zu rasten, und da es doch Waffenstillstand sei, dem vereinsamten Vater seine Gegenwart länger zu schenken. Eben hatte man die Gläser erhoben, um darauf anzustoßen, als eine Magd erschien und meldete, es sei ein fremder Herr da, welcher die Herrschaft zu begrüßen wünsche.