Zwei Tage später wanderten die beiden Lützower aus dem Dorfe hinaus, nachdem beide noch einmal am Grabe der Pastorin gestanden hatten. Konrad hatte eine Rosenknospe von demselben abgepflückt und barg sie neben dem Zweiglein, das er von Elise erhalten, an seiner Brust.

Sie gingen zunächst durch Thüringen und fanden zu ihrer Freude überall einen guten patriotischen Geist, Ingrimm gegen den fremden Dränger, und Bereitwilligkeit, im Dienste des Vaterlandes Gut und Blut zu opfern. Sie hielten zumeist auf Gutshöfen Einkehr, um hier Einblicke in die Verhältnisse zu gewinnen, und durften über die Aufnahme, die sie fanden, fast allenthalben höchlich zufrieden sein. Auch für ihr Freikorps hatten sie manchen gewonnen, der gegen die Elbe aufbrach, um Lützower Jäger zu werden, und das Herz schlug ihnen wärmer bei den Erfolgen, welche sie errangen. Auch war ihnen zunächst nichts Widerwärtiges widerfahren, und das ließ sie den kecken Entschluß fassen, unmittelbar unter dem Wappen und der Herrschaft Frankreichs für ihre Sache zu werben.

In dieser Absicht betraten sie den Boden des Königreichs Westfalen, das Napoleon auf deutschem Grunde errichtet und über das er seinen Bruder Jerôme als Herrscher gesetzt hatte. Der gesunde, deutsche Stamm, der hier saß, hatte sich mit Zähneknirschen gefügt, aber wie man spottete über den König »Alleweil lustick!« der in Kassel saß und in schwelgerischen Hoffesten das Mark des Landes verpraßte, so brannte man vor Sehnsucht, daß die deutschen Waffen dem unwürdigen Treiben ein Ende bereiten würden.

Den beiden Lützowern war es wunderlich, am Grenzpfahl das fremde Wappen zu sehen, und auf deutschem Boden von französisch redenden Gendarmen nach ihren Pässen befragt zu werden. Aber die letzteren waren in Ordnung, und ob man auch da und dort sie mißtrauisch betrachtete, man vermochte von Rechtswegen ihnen nichts anzuhaben. Vorsicht bei ihrem »Geschäft« galt es freilich zu üben, denn es gab auch feiles Volk, das dem neuen Regimente sich verkaufte, und die Stimmung mußte peinlich sondiert werden, um so größer aber war die Freude, wenn es auch hier gelang, Streiter für die deutsche Sache und das Freikorps zu werben.

Solche Erfolge machten sie kühner, so daß sie fast unter den Augen der westfälischen Gendarmen ihre agitatorische Thätigkeit übten und nicht mehr bloß auf dem Lande, sondern auch in den Städten auftraten.

So waren sie eines Tages in eine freundliche Landstadt gekommen und hatten in einem Gasthause ihr Quartier aufgeschlagen. Schon als sie zum Thore herein passiert waren, hatten sie gemerkt, daß hier eine größere Garnison lag und daß sie darum besonders vorsichtig sein müßten. Der Wirt des Gasthauses hatte sich auch sogleich nach ihren Pässen erkundigt und schien, nachdem er Einblick in dieselben genommen, durchaus befriedigt zu sein. Er setzte sich selbst zu ihnen in der Gaststube, wo sie Speise und Trank sich bestellt hatten, und ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein, nachdem er vorsichtig sich nach allen Seiten umgeblickt.

»Was meinen die Herren mit dem Waffenstillstand? Wird ein Friede draus werden?«

»Der Himmel weiß es – nun, der Friede thäte endlich einmal not,« sprach Zander, der Wirt aber sagte hastig und leise:

»Nur kein schimpflicher Friede, nur ein Friede, der uns wieder deutsch sein läßt!«

Die beiden sahen verwundert und beinahe mißtrauisch den grauhaarigen Mann an, aber aus seinen Augen leuchtete ein warmes Feuer, und seine Stimme klang bewegt, da er fortfuhr: