Schweigend, mit rascheren Schritten eilten sie fort. Der Wache, die am Stadtthore stand, gab Erich das Paßwort, und nach wenigen Augenblicken waren sie im Freien. Noch immer schwiegen sie, bis sie nach etwa zehn Minuten langem Wandern einen Wagen fanden, in welchen Erich sie einzusteigen einlud. Sie folgten der Aufforderung, die Pferde zogen an, und in raschem Trabe ging es die Straße entlang, hinein in die Sommernacht.

Jetzt reichte Erich den Freunden seine Hände.

»Gott Lob, wir kommen hoffentlich in Sicherheit und über die Grenze, ehe der Morgen tagt.«

»Aber sprechen Sie um Himmelswillen – das ist ja wie ein Wunder, daß Sie uns das Gefängnis öffnen, hart bevor es zu Ende gehen sollte,« sagte Konrad, und Zander fügte bei: »Und noch dazu in diesem Aufzuge.«

»Das alles geht ganz natürlich zu; ein wenig Mut und ein wenig mehr Glück – das ist alles. Als Sie verhaftet wurden, stand es bei meinem Vater und bei mir fest, daß wir alles daran setzen wollten, Sie zu retten. Daß Sie am nächsten Morgen und zwar durch meinen Bruder hierher eskortiert würden, war in der kleinen Stadt, wo man alles sieht und wo außerdem ein gesunder Haß gegen die Fremden vorhanden ist, bald bekannt; was Ihnen hier von Garnier drohte, konnte nicht zweifelhaft sein. Mein Plan war jetzt rasch gefaßt. Ich wußte von dem Burschen meines Bruders, einem gutmütigen beschränkten Menschen, mir unter dem Vorwande einer Reparatur eine Uniform des Letzteren zu verschaffen, und habe mich niemals so gefreut, daß wir beide einander täuschend ähnlich sahen. Dieselbe führte ich wohl verpackt bei mir, als ich hierher fuhr, und bei einem Freunde meines Vaters, der nahe dem Thor wohnt, das auf die Straße nach meinem Heimatsorte führt, abstieg. Ihn weihte ich in die ganze Sache ein, und er hat auch den Wagen beschafft. In seinem Hause lagen wir ununterbrochen auf der Lauer, bis wir sahen, daß mein Bruder heute früh die Stadt verließ. Nun zog ich seine Uniform an, fest überzeugt, daß der Schließer, an welchen er Sie gestern übergeben hat, mich für ihn ansehen werde. Ich ließ es Abend werden, begab mich dann zu ihm, meldete ihm, daß der General Sie zu sehen wünsche, weil Ihre Sache sich anders herausgestellt habe, und der alte gutmütige Bursche, dem jedenfalls nichts Schlimmes widerfahren wird, war nicht schwer zu täuschen. Das heutige Paßwort erfuhr ich durch meinen Wirt, der Beziehungen zu Offizieren hat, die nicht besonders dem König von Westfalen gewogen sind und es darum mit ihrer Pflicht ihm gegenüber nicht ernst nehmen, und so sind wir glücklich heraus aus den gefährlichen Mauern. Und nun fahren wir zu Lützow – denn ich bin der Eure!«

Kräftig fügten sich die Hände der jungen Männer ineinander. In herzlichen Worten dankten die beiden Lützower dem prächtigen Menschen, der seinerseits glücklich war über ihre Befreiung, und den sie warm als einen der Ihrigen begrüßten.

Mild und weich lag die Sommernacht über dem Lande, der Mond glänzte, und die Bäume, unter denen sie hinfuhren, rauschten leise – den drei Menschen aber war es zu Mute als wären sie nie so selig gewesen. Als sie gegen Morgen in die Nähe der Grenze kamen, verließen sie den Wagen, um nicht am Grenzpfahl angehalten zu werden, und dieser fuhr leer weiter nach dem nächsten preußischen Städtchen, wo er sie wieder erwarten sollte. Erich aber, der die Gegend kannte, führte die Freunde auf geheimen Wegen glücklich hinüber auf sicheres Gebiet, und als der Morgenschimmer die verjüngte Erde küßte, waren alle drei im Hause eines Vetters Erichs auf preußischem Boden geborgen. Hier legte dieser seine Uniform ab und schickte sie mit einigen Worten an seinen Bruder, dem er mitteilte, daß er seinen schlechten Streich wieder gut gemacht habe in seinen Kleidern und daß er um deswillen ihm selbst vergeben wolle.

Der Kutscher sollte Wagen und Pferde auf anderem Wege zurückbringen, aber der brave Bursche wollte nichts wissen vom König »Alleweil lustick!« sondern wollte auch unter die Waffen des Königs von Preußen treten, und gern nahmen ihn die andern mit sich, um ihn gleichfalls Lützow zuzuführen. Wagen und Pferde brachte Erichs Vetter selbst an Ort und Stelle und berichtete dabei sowohl dem wackern Eigentümer wie dem erfreuten Vater Erichs, daß die Flucht wohlgeglückt war.

Zu viert setzten die jungen Männer ihren Weg fort, und Erich, der wohl mit Geldmitteln versehen war, machte den Zahlmeister. »Er lieh es den Freunden und dem Vaterlande,« wie er sagte.

In Brandenburg hielten sie einen Tag Rast, und da sie eben in ihrem Gasthause beim Mittagessen saßen, fuhr ein Reisewagen vor. In unbewußter Neugier schauten sie zum Fenster hinaus und sahen einen älteren Herrn und eine junge Dame aussteigen. Im nächsten Augenblicke aber war auch Schmidt aufgesprungen und hinaus geeilt. Gleich darauf sahen die Zurückgebliebenen, wie er den beiden Reisenden die Hand reichte und wie das schöne Mädchen auf freier Straße ihn küßte.