So ist aus der Sonnenfinsternis nichts geworden. Ich begebe mich nach Hause. Da es regnet, gehe ich nicht auf den Balkon arbeiten. Der verwundete Offizier hat sich aber auf seinem Balkon hinausgewagt und sogar geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre …«; nun sehe ich aus meinem Fenster, wie eines der jungen Mädchen ihn zu sich in die Landwohnung schleppt. Ich kann nicht arbeiten, denn ich bin noch immer rasend und habe Herzklopfen. Ins Gartenhäuschen gehe ich nicht. Es ist zwar unhöflich, aber ich kann doch nicht bei Regen hingehen! Um die Mittagstunde bekomme ich einen Brief von Maschenjka; er enthält Vorwürfe, die Bitte, ins Gartenhäuschen zu kommen und ist per »du« geschrieben. Um eins bekomme ich einen zweiten Brief, um zwei einen dritten … Ich muß gehen. Bevor ich hingehe, muß ich mir aber überlegen, worüber ich mit ihr sprechen werde. Ich will wie ein anständiger Mensch handeln. Erstens werde ich ihr sagen, sie habe gar keinen Grund sich einzubilden, daß ich sie liebe. Solche Sachen sagt man übrigens einer Dame nicht. Einer Dame zu sagen: »Ich liebe Sie nicht,« ist dasselbe, wie einem Schriftsteller zu sagen: »Sie verstehen nicht zu schreiben.« Ich will Maschenjka lieber meine Ansichten über die Ehe darlegen. Ich ziehe einen warmen Mantel an, nehme den Regenschirm und gehe ins Gartenhäuschen. Da ich mein jähzorniges Wesen kenne, fürchte ich, zu viel zu sagen. Ich werde mir Mühe geben, mich zu beherrschen.
Im Gartenhäuschen werde ich erwartet. Maschenjka ist blaß und hat verweinte Augen. Als sie mich erblickt, schreit sie freudig auf, fällt mir um den Hals und sagt:
»Endlich! Du spielst mit meiner Geduld. Hör, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen … Habe immer überlegt. Mir scheint, daß ich dich, wenn ich dich näher kennen lerne, … lieb gewinnen werde …«
Ich setze mich hin und beginne ihr meine Ansichten über die Ehe darzulegen. Um nicht zu weit zu gehen und mich kürzer zu fassen, beginne ich mit einem historischen Überblick. Ich spreche von der Ehe bei den Indern und den Ägyptern und komme dann auf die späteren Perioden zu sprechen; bringe auch einige Gedanken Schopenhauers. Maschenjka hört mir aufmerksam zu, hält es aber plötzlich, gegen jede Logik verstoßend, für nötig, mich zu unterbrechen.
»Nicolas, küsse mich!« sagt sie mir.
Ich bin verdutzt und weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Sie wiederholt ihre Aufforderung. Nichts zu machen, ich stehe auf und drücke meine Lippen auf ihr langes Gesicht, wobei ich dasselbe empfinde, was ich als Kind empfunden habe, als ich bei der Totenmesse meine verstorbene Großmutter küssen mußte. Aber Maschenjka begnügt sich nicht mit dem Kuß, sondern steht auf und umarmt mich sehr leidenschaftlich. In diesem Augenblick erscheint in der Tür des Gartenhäuschens Maschenjkas Mama. Sie macht ein erschrockenes Gesicht, sagt zu jemand: »Pst!« und verschwindet wie Mephistopheles in der Versenkung.
Ratlos und rasend gehe ich heim. Zu Hause treffe ich Maschenjkas Mama, die mit Tränen in den Augen meine Mama umarmt, während meine Mama weinend sagt:
»Ich habe es selbst gewünscht!«
Dann – wie gefällt Ihnen das? – dann geht Maschenjkas Mama auf mich zu, umarmt mich und sagt: