»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.«
Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden.
Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu sprechen. Ich würde es ganz gern hören.
»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend geben, so werde ich …«
Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:
»Dann also adieu … Entschuldigen Sie!«
»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«
Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an; nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher Freund der Arbeit!
Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten, und ich würde ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine Dissertation angeben wollte.