»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,« sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders …«

Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle auf.

»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«

Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein wunderlicher Geselle.

»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«

Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad erhalten, der ihm nichts nützt.

Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt, ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme …

Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr wenig sagen.

Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah, wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles, was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen. Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und was ich mit meinem Gehalt anfinge.