»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.
»Ja, das tun sie, liebes Kind.«
»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«
»Ja, das tue ich.«
Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes, geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit, aber weiter nichts. Ich verstand nicht, sie gebührend in Schutz zu nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau bedauernd zu ihr zu sagen:
»O du meine liebe Waise!«
Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern.
Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte, sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde, ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone:
»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom Theater zu reden?«
Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde. Fang an!«