Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur Schauspielerin geboren.

Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.

In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht dazu aus, um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen. Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler, der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an, der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte. Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung heraus, als ich hineingegangen bin.

Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist, den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft auf die Dauer denn doch etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger Weise behandelt werden.

Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische.

Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme, eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung ihres Berufes mit.

Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte, die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es; jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu sehen gewohnt gewesen war, – und dabei eine Masse von orthographischen Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.

Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine Photographie, die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen. Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren; aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen. Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen sein könnten.

Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne.