Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl, daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man, wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg, Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide, Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen, nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die niemandem etwas nützen können …« und so weiter, immer in demselben Tone.
Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben. Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen Sie mir!«
Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten, daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war. Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.« Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie nach Hause zurück.
Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß, ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine Tochter!
Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter der Originalität der Ausführung zurücktritt, eine Menge von Tischchen und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind, formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich zu besuchen.
Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich, um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden, die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig, wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete nicht mehr etwas Neues zu hören.
Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den Tisch und klappert mit dem Geschirr.
»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit. Besuchen Sie mich!«