Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:
»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll Sie gründlich untersuchen.«
»Das ist nicht nötig, Katja.«
»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist geradezu eine Sünde!«
Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen, ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.
Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:
»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar …«
»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will, dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum bitten!«
»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr beliebt!«
Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit (weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht, sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann; denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit der Frau. Wenn der heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig, die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die Männer.