Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden versteht.
Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch; aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist, wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem Urteile willig an.
Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf der Welt keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor.
Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt. So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich, das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung, als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen Backen liebt …
Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig; aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war, bekomme ich jetzt eine Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt, einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter, die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten, daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte. Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete, wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den Suppenteller fiel.
Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt: »Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit: er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und in dieser Art geht es während des ganzen Mittagessens weiter. Lisa lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen. Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt.
Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt, über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber, welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend … Wirklich? Gewiß, gewiß …« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für nötig, mich votre excellence zu titulieren.
Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte Eigenschaften herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar, die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen.
Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln wird.
»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,« beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine Aufmerksamkeit?«