Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte traktir[2] wird dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt zwischen Feldern hin an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich gar keinen Eindruck macht, obwohl ich bald auf ihm liegen werde; dann fahre ich durch einen Wald und wieder zwischen Feldern. Alles sehr uninteressant. Nach einer zweistündigen Fahrt wird meine Exzellenz in die untere Etage eines Landhauses geführt und in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen mit himmelblauen Tapeten einquartiert.

In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen aber kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine Frau nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu schlafen, eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein halbes Bewußtsein hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber doch träumt. Um Mittag stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig an meinen Schreibtisch; aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue mich durch die Lektüre französischer Bücher in gelben Umschlägen, die mir Katja schickt. Es wäre ja freilich patriotischer, russische Autoren zu lesen; aber offen gestanden, ich verspüre zu diesen keine besondere Neigung. Von zwei bis drei etwas älteren Schriftstellern abgesehen, kommt mir die ganze moderne russische Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur, sondern wie ein Zweig einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist, daß man sie fördert, deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt. Selbst das beste von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie kann man nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne ein »aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei keiner geht es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und moralisch, aber nicht talentvoll; andere talentvoll und moralisch, aber nicht verständig; wieder andere endlich talentvoll und verständig, aber nicht moralisch.

Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich nicht. Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den russischen Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. Der eine scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer hat sich durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen Erörterungen an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf »eines warmen Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert absichtlich ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in den Verdacht der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine möchte in seinen Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der andere um jeden Preis eine aristokratische Gesinnung an den Tag legen usw. Absichtlichkeit, Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine Freiheit, kein Mut, so zu schreiben, wie man möchte, und infolgedessen auch keine schöpferische Kraft.

Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.

Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. über Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb ich sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines Kind und als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor Portiers und Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den heutigen Tag geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. Man sagt, furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. Und es ist auch wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die Portiers und Theaterdiener eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit und majestätische Unhöflichkeit an den Tag legen. Wenn ich ernste russische Abhandlungen lese, empfinde ich eine ganz ähnliche unbestimmte Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei, der scherzhafte Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in der auswärtige Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit Würde leeres Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich und beängstigend und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und dem vornehm-ruhigen Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften unserer älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte, die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, meine Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen und eingeklammerten sic, die der Übersetzer mit freigebiger Hand über die ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, erscheinen mir wie ein Attentat auf die Person des Verfassers und auf meine, des Lesers, Selbständigkeit.

Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen des Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, unter denen sich zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich machte mich keiner Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen antwortete, dieses Benehmen sei nicht gröber als das, welches die Verfasser ernster Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung brächten. Und tatsächlich ist dieses Benehmen so grob, daß man davon nur mit einer peinlichen Empfindung reden kann. Sie benehmen sich untereinander und gegen die Schriftsteller, deren Werke sie kritisieren, entweder so übermäßig respektvoll, daß sie dabei ihre eigene Würde nicht wahren, oder sie behandeln sie umgekehrt weit dreister, als ich in meinen Gedanken und in diesen Aufzeichnungen meinen künftigen Schwiegersohn Herrn Gnecker behandle. Beschuldigungen der Unzurechnungsfähigkeit, unlauterer Absichten, ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen bilden den gewöhnlichen Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die Art, in der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit Vorliebe ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen Generationen unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex finden, und daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den Novitäten, die unsere belletristische Literatur in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein trinken und die Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig läßt.

Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem offenstehenden Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines Gartenzaunes, zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter dem Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen Nadelwald. Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen Kleidern, an dem Zaune in die Höhe klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich die Worte: »Guck mal, ein Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen Menschen, die sich weder um meine Berühmtheit noch um meinen Rang kümmern.

Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur die Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt gewöhnlich an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. Er kommt stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.

»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den Flur hinaustrete.

»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt und mich entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! Gott straf mich! Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! Gaudeamus igitur juvenestus!«