Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf die Knöpfe.
»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.
»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott …«
Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält. Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu mir, speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches. Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am Tische, bescheiden, sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein Bein über das andere zu schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch zu bringen; und die ganze Zeit über erzählt er mir mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme geläufig und buchmäßig allerlei nach seiner Meinung sehr interessante und amüsante Neuigkeiten, die er in Journalen und Büchern gelesen hat. Alle diese Neuigkeiten haben untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen sich auf folgenden Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet, eine Entdeckung gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn der Unredlichkeit überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung schon im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie beide, indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. Peter Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, mich zum Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er eine Dissertation verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen Quellen, die er benutzt hat, und bemüht sich, in den Zahlen, in den Nummern der Journale und in den Namen jeden Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht einfach Petit sagt, sondern stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt er bei uns zum Mittagessen, und dann erzählt er während der ganzen Mahlzeit jene selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen niederdrückend wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und Bach bringen, so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird verlegen; er schämt sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, wie ich und er, von so unwürdigen Dingen gesprochen wird.
Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, um seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine ganze Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. Von seiner leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise wird mir ganz schwach, seine Erzählungen machen mich stumpfsinnig. Er hegt gegen mich die treueste Gesinnung und redet mit mir lediglich, um mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne es ihm damit, daß ich ihm hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich ihn hypnotisieren wollte, und dabei denke: »Scher dich weg, scher dich weg, scher dich weg!« Aber er reagiert nicht auf meine schweigende Aufforderung, sondern sitzt und sitzt und sitzt …
Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er meine Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint mir dann wie eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin gegen Peter Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, als wäre er an diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr ich selbst. Wenn er anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen Gelehrten zu preisen, so mache ich nicht mehr wie früher gutmütige Scherze, sondern ich brumme verdrießlich:
»Ihre Deutschen sind Esel.«
Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen badete, sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun schimpfte: »Diese Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich gegen Peter Ignatjewitsch häßlich, und erst wenn er fortgeht und ich durch das Fenster sehe, wie sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun vorbeistreift, möchte ich ihn anrufen und zu ihm sagen:
»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«