»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«

Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken, und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben.

»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch etwas zum Einnehmen!«

Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur murmeln:

»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes … Das wird vorübergehen … Schlaf nur, schlaf! …«

Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig. Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar zu werden.

»Dummes Zeug …« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts … Durch eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles Vorhersehen erklären …«

Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod, sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen Zimmer verstummt, und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen …

Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie erstarrt wären … Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.

Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein, bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit vorsichtig ans Fenster.