Der starke Knut schmolz förmlich zusammen wie ein Wachslicht, den Kopf, der ihm sonst so steif im Genick saß, trug er jetzt gebeugt, als habe er etwas verloren auf dem Wege, und der frohe Lars, der unermüdliche Sänger, ging jetzt schweigend umher, die Hände in den Hosentaschen, unsteten Blickes, ohne Gruß, ohne Lied, nicht mehr zu kennen. Mit der sprichwörtlichen Eintracht der Brüder war es auch vorbei, selten sah man sie mehr zusammen, und die Spinnabende bei Götreks waren abgeschafft, die gemütlichsten in der ganzen Runde, — die Alte könne den Lärm nicht mehr vertragen, hieß es.
Doch man wußte es besser: die schwarze Hexe war an allem schuld, die hat den Unfrieden gebracht in das Haus, in das erste und letzte Haus, das sie betreten, seitdem sie auf der Insel war.
Was sie nur trieb in der verfallenen Hütte auf Norderoog? Diese ständige Verborgenheit war fast noch unheimlicher als ihre Gegenwart; mit geheimem Grauen blickte man oft hinüber auf den feinen Lichtstrahl, der in den langen Winternächten herüberzitterte.
Einige Male wollte man denselben sich fortbewegen gesehen haben, langsam in die Höhe steigen und dann plötzlich verschwinden, — dann ging sie wohl in den Turm, von dem allerlei unheimliche Gerüchte und Sagen gingen, zum Schatzgraben oder anderem teuflischen Unfug.
Nur einmal wagte sich ein Bursche in einer dunklen Nacht hinüber zum Kundschaften — und was sah er durch das niedere Fenster?
Die Schwarze lag auf einer Bank, das Haar gelöst, und auf ihrer Brust saß ein großer weißer Vogel mit feurigen Augen, wie man ihn hier zu Lande nie gesehen, der mit einer menschlichen Stimme in sie hineinsprach. Und sie lachte und spielte mit ihm. Der Nächste aber, der das Märchen nicht glauben wollte und sich vornahm, demselben auf den Grund zu kommen, fühlte sich, in dunkler Nacht die Hütte umschleichend, plötzlich mit rauhem Griff gepackt und so jämmerlich verprügelt, daß er, ohne nur den Versuch zu machen, sich nach dem Angreifer weiter umzusehen, die Flucht ergriff, — aber so etwas wie große Vogelkrallen waren es, das behauptete er fest, die er im Nacken gespürt.
Seit der Zeit hatte die Hütte in Norderoog Ruhe vor allen Spähern.
Lars aber nützte die wochenlang schneelosen Pfade, die seine Spur nicht verrieten, zu seinen heimlichen Besuchen, die der alte Henning schon aus Haß gegen die feindlichen Götreks und allen übrigen Widersachern seines Kindes eher unterstützte, als hinderte.
Nizam vergaß ganz, daß Winter war draußen.
Der weiße, blonde Knabe, der ganz in ihrem Banne war, ein Spielzeug in ihren übermütigen kleinen Händen, aus dessen wässerigen blauen Augen ein seltsames Feuer brach, gefiel ihr immer mehr. Sie blühte auf wie eine Wildrose in dem engen Raume mit seiner schwülen Treibhausluft, die dunkle Erinnerungen in ihr emportrieb, während sie Lars, den Nordseemann, immer mehr erschlaffte, seine Wangen bleichte, die sonst der Meersturm gerötet.