Da riß er schon an der Thür, — sie war nicht versperrt. Das ganze Haus erfüllte jetzt der kreischende Ruf nach Lars. Aus der Stube zur Rechten kam er.
Knut schämte sich der Angst, die ihn befiel, rasch öffnete er die Thür. Doch kaltes Grauen fesselte ihn auf der Schwelle.
In dem Dämmerlicht der niederen Stube flatterte ein schneeweißes Gespenst kreischend auf ihn zu.
Weiße Flügel schlugen um sein Gesicht, und schon hakte es sich in seine Brust fest. Kleine rotglühende Augen glotzten ihn an. Er schlug danach mit beiden Fäusten, dann ließ es los, stieß gegen die niedere Decke, gegen die Wand, die Fenster, bis es zuletzt auf der Lehne eines Sessels zur Ruhe kam. Feuerrotes Tuch lag darauf, von dem sich das unheimliche Wesen in schneeiger Weiße abhob.
Knut schämte sich jetzt seiner kindischen Furcht. Es war ein Vogel, ein wirklicher Vogel, ein Köpfchen beugte sich weit vor, von einem herrlichen karmoisinroten Kamm gekrönt, der sich fächerartig spreizte; der gebogene schwarze Schnabel öffnete sich: „Lars!‟ Jetzt klang es wie eine drollige Frage, und die kleinen, jetzt kohlschwarzen Perlaugen blickten forschend auf ihn.
Er erkannte auch das rote Tuch, auf dem er saß, aber die Herrin war fort. Er durchforschte das ganze Haus — ein geleerter Schrank stand offen, — die alte Wanduhr stand still, — auch der nächste Raum war leer, der Herd in der Küche kalt, die Spuren des Einpackens ringsum auf dem Boden. Der Henning war fort mit seinem Kinde, auf Nimmerwiedersehen, ganz heimlich. Das wollte man ja, hoffte man ja, besonders er und die Mutter. Warum freute er sich denn nicht? Warum? Angst? — hatte er denn Angst?
„Lars! Lars!‟ tönte es durch das Haus. Da fuhr er sich an die Stirn, — Lars! Wenn er mit ihr —? Wenn er nicht mehr käme — nie mehr! Beide nie mehr? Ein unsäglicher Schmerz ging ihm durch das Herz. Aber das ist ja nicht möglich, sie muß ja wieder kommen, der Vogel ist ja da! Man läßt doch so ein Tier nicht hilflos zurück, — verhungern.
Er eilte in die Stube zu Babe; der zeterte von neuem und fauchte und schrie: „Lars!‟
„Zum Henker mit deinem Lars!‟ Knut griff danach und würgte ihn zwischen seinen Eisenfingern, daß die Federn stoben, doch Babe entwischte, kauerte sich ängstlich in eine Ecke der Fensternische, Knut aber starrte auf das rote Tuch am Sessel, in dem die ersterbenden Lichter des Abends spielten, plötzlich fiel er auf die Knie, barg sein Haupt in den weichen Falten und schluchzte wie ein Kind.
Babe blickte erstaunt auf das fremde Wesen, dann reckte er das Köpfchen, hüpfte auf den Tisch, auf die breiten Schultern Knuts und kraute sein Haar.