Knut hielt den Schlag auf. „Laß ihn, Mutter, deinen Lars hat ein anderer Vogel geholt. Oh, nichts weniger als ein Totenvogel, ein bunter, schöner Vogel — errätst es nicht? Die schwarze Dirne, die Henning — auf und davon, das ganze Nest leer, bis auf den Weißen dort. Sie haben ihn ganz vergessen in ihrem Eifer, den armen Teufel, — so nahm ich ihn mit, um doch eine Erinnerung zu haben an das saubere Paar. Na, Mutter, noch nicht zufrieden, — wenn er lebt, erst recht lebt, der süße Junge, — oder wäre es dir lieber, er hätte ihn wirklich geholt, der Totenvogel?‟

Die Alte nickte mit dem Kopfe. „Ja, tausendmal lieber — lieber.‟ Schwere Thränen rollten aus den starr geöffneten Augen über die gefurchten Wangen herab. „Tausendmal lieber, Knut.‟


IV

Der Nebel war seit vier Wochen nicht gewichen, ein eisiger, salziger Nebel, der einen bitteren Geschmack im Munde zurückließ, Lippe und Zunge sprüngig machte. Das Meer hatte sich mit ihm völlig verbunden in trostloser Bewegungslosigkeit. Der Begriff des Flüssigen und Luftförmigen verwischte sich, eine schwere, unsichtbare Feuchtigkeit senkte sich unausgesetzt herab, stieg wieder auf aus der formlosen, in nichts zerfließenden Wasserfläche ringsum, deren Dasein nur ein leises, eintöniges Glucksen am Rande der Schiffswände verriet.

Um acht Uhr morgens erschien im Osten ein stumpfes weißes Licht, das sich langsam aufwärts bewegte, um Mittag sich dann und wann zu einer milchigen strahlenlosen Scheibe verdichtete, welche durch die Feuchte ringsum schwamm, um gegen drei Uhr wieder zu verschwinden. Das war der Tag, ihm folgte die schmutzig-graue Nacht, die der Finsternis entbehrte, wie der Tag des Lichtes.

Inmitten dieser scheinbaren Wesenlosigkeit lag der Stockfischfänger „Halland‟, etwa fünfzig Seemeilen südlich der Lofodden. Die Segel waren eingerefft, die leeren Sparren verloren sich im Nebel, leise schaukelte sich der schwarze träge Rumpf; die Rauchwölkchen, welche sich aus dem Kamin zu erheben versuchten, wurden sofort von der feuchten Luft niedergedrückt und liefen als stinkende Schwaden über das Deck, auf welchem in langer Reihe schemenhafte Gestalten saßen und lagen — die Fischer.

Jeden Augenblick verriet ein klatschender Aufschlag auf dem Deck einen neuen Fang, eine Zahl wurde gerufen und die blitzende Beute kollerte in ein schwarzes Loch, das in den unteren Schiffsraum führte. Der dumpfe Ton eines Beilschlages tönte in gleichmäßigem Takte herauf. Der Fang war ein außerordentlicher in den letzten Wochen, man mußte auf eine Wanderherde geraten sein. Die Gelegenheit hieß es ausnützen.

Man fischte Tag und Nacht mit Ablösungen, während man zugleich draußen in der See lange Leinen mit Legangeln schwimmen hatte, welche leere Fässer oder lange Stangen auf der Oberfläche hielten. Ein beißender Geruch erfüllte ringsum die Luft, das Deck war glitschig von Fett und Blut, der Laderaum füllte sich zusehends. Henning, der Patron, und Kapitän Hanson machten frohe Gesichter, das Kompagniegeschäft machte sich. Es war aber auch ein Wunder, wie Henning, doch eigentlich ein Südseemann seinen früheren Fahrten nach, sich auf das Geschäft da droben verstand. Das ging alles am Schnürchen, und er selbst arbeitete mit Beil und Angel und kam seit Monaten nicht aus seiner fettigen Lederjacke.