„Und wo schläfst du, Knut?‟ fragte Nizam.
Er wich ihrem Blicke aus. „Ich schlafe nicht heut nacht. Das Wetter ist stürmisch. Kümmere dich nicht um mich.‟ Er verschloß die Thür und stieg schweren Trittes die Wendeltreppe empor.
Nizam sah ihm starr nach. Wie er doch Lars glich! Die Lichtflut saugte ihn förmlich auf, die herabdrang zu der geöffneten Fallthür; dann schloß er sie.
Nizam war allein mit dem Kleinen und Babe.
Die wohlige Wärme des Raumes, die kräftige Suppe, die sie mit dem Bübchen teilte, das weiche Lager, das ihrer wartete, — schon lange fühlte sie sich nicht mehr so behaglich. Eine wohlige Müdigkeit überkam sie. Der kleine Knut schlummerte so süß, durch die Spalte der Fallthür brach es wie ein himmlischer Glanz. Auf der Lehne des Stuhles saß Babe, sie regungslos betrachtend. Sie dachte der kleinen Koje im „Halland‟, der letzten Worte des Geliebten: „Wenn er nach Norderoog kommt, hat er Babe mitgenommen und hält ihn warm, verlaß dich darauf.‟
„Dann bin ich ihm wieder gut, — ich war ihm überhaupt nie böse, — er gleicht dir ja so‟ — genau so sagte sie —, „und oben ist das Prunkgemach — alles Gold und Samt, — draußen das weite Meer, — die weißen Vögel, — die Wolken. Und Babe bekommt einen goldenen Käfig — und eine goldene Kette um die Füße — und eine Goldschnur ins Haar —‟
Neben dem Laternenraum war eine kleine Kammer, in der das Putzzeug lag, Haufen von Werg, krauses Handwerkszeug. Hier saß Knut, der Wächter, das Haupt in die Hände vergraben. Sie war das eheliche Weib seines Bruders, die Mutter seines Kindes, es war seine Pflicht, sie zu schützen. Wenn das die Mutter erlebt hätte, sie hier im Sühneturm, die Hexe von Norderoog! Unsinn! — Hexe! Aberglaube! Spricht der Böse aus diesen Augen? Und wie zärtlich sie mit dem Kinde ist, mit dem kleinen Knut, die beste Mutter! Armer Lars, solches Glück verscherzen! Und wenn er wiederkehrt, wenn er ihm alles geben kann, was er ihm sorgfältig verwahrt, Weib und Kind! Aber er kehrt nie wieder, nie mehr, das Meer giebt keinen zurück. Zwei volle Jahre. Nie mehr!
Es litt ihn nicht mehr in dem engen Raume. Im Leuchtraum saugt das glühende Licht an seinem Gehirn, — so trat er auf die eiserne Galerie hinaus in das Freie. Da fiel ihn der Sturm an, wie ein Feind, und der feuchte Schnee umwirbelte seine heiße Stirne — draußen brüllte das Meer in der schwarzen Leere, und im Lichtkegel des Turmes bäumten sich weißleuchtende Fabeltiere, sich gegenseitig verschlingend, — dann und wann tönte der Klagelaut einer Sirene, oder das Tuten eines verirrten Fischers, — das stärkte seine arme irre Seele.