VI
Mit banger Scheu sah man wieder Licht brennen die langen Winterabende in Götreks Werft, wußte man doch, wer dort hauste, die Hexe von Norderoog, wie sie der Volksmund längst getauft.
Sie hatte den armen Lars, der noch in aller Erinnerung war, fortgelockt, weiß Gott wohin, kein Mensch sah ihn je wieder, und jetzt war sie wiedergekommen, wohl um ein neues Opfer zu holen. Schon hatte sie ihre Schlingen von neuem gelegt, und man wußte auch, wem sie galten. Gerade auf die Götreks hatte sie es abgesehen. Die Schneespur zwischen der Werft und dem Leuchtturm war immer wieder aufgefrischt.
Ist ja doch ihr Schwager, und der Junge seines Bruders Sohn, meinten die Wohlgesinnten.
Saubere Schwägerin, sauberer Bruders Sohn, die andern, kann man sich vorstellen, was das für eine Ehe gewesen ist. Schämen soll er sich, der Knut, der doch der eifrigste Gegner der Hexe war.
Knut kannte die Stimmung. Er wäre am liebsten alle Tage den Weg gegangen, aus Trotz, aus Zorn über die Bosheit der Leute, aber er wagte es selbst nicht, vor sich selbst fürchtete er sich, nicht vor den anderen.
Das Bild, das er da drüben immer wieder zu sehen bekam, war zu verführerisch für den einsamen Mann, die Mutter mit dem Kinde. Es hatte gar nichts Hexenhaftes, im Gegenteil, etwas ganz Himmlisches für ihn. Dann und wann kam es ihm wohl vor, als blicke aus den schwarzen Augen die einstmals so gefürchtete Heidin, die Verführerin seines Lars, aber das war nur seine eigene wilde Begierde, die immer wieder hervorbrach, sein eigenes sündiges Blut, das sich regte.
Nizam und der Knabe waren für ihn das heilige Vermächtnis Lars'. Er kehrte ja nie mehr zurück, nie mehr, tausendmal sagte er sich das, — gleichviel, dann konnte er ihm wenigstens drüben einmal Rede stehen.
Nizam schien sich völlig einzugewöhnen. Die Pflege des Kindes nahm sie ganz in Anspruch, nur immer durchsichtiger wurde das Antlitz, immer weißer, und die Augen immer größer, brennender. Ein böser Husten quälte sie, das hatte sie noch von der „Halland‟ her, von den entsetzlichen Nebelwochen, der ewigen kalten Feuchte, die sie nicht vertragen konnte.
Knut gegenüber verlor sie rasch alle Scheu. Sie behauptete, alle Tage werde er dem Lars ähnlicher, doch schien diese ständige Erinnerung eher wohlthätig auf sie zu wirken, als schmerzlich, der Freude nach, die sie jedesmal äußerte, wenn Knut auf Besuch kam.