Das Gespräch kam immer wieder auf Lars. Knut wußte so viel Neues, der Stoff ging ihm gar nicht aus, dem sonst so Schweigsamen, und der Kleine lehrte ihn sogar das Lachen, wenn er auf seinem Schoße spielte.

Zur rechten Zeit schreckte ihn dann irgend eine Bemerkung Nizams, ein Blick, ein Lächeln, ein eigener jäher Gedanke aus seiner Sicherheit, und er blieb wieder eine Woche aus. Das waren die schlimmsten Zeiten; wie die Schwärme der Seevögel im Frühjahr den Turm, so umschwärmten ihn die Gedanken.

Wenn Lars wirklich nicht mehr kam — und es war gewiß, daß er nicht mehr kam, — was soll dann werden mit Nizam? Ihm selbst konnte auch einmal etwas zustoßen, beim Fischfang, beim Rettungswerk, — überhaupt, es geht oft sonderbar, der Tod lauert überall auf einen. Dann war sie der Bosheit, dem Vorurteil der Leute ausgesetzt, die sie haßten, die sie keinen Tag mehr dulden würden auf der Insel.

War es nicht seine Pflicht als Bruder, vorzusorgen, — trat er nicht Rechtens Lars' Erbschaft an, und das Beste, das Teuerste, was er besaß, sollte er dem Zufall preisgeben? Wer hatte denn mehr Recht auf Nizam, als er? Etwa der Kapitän, der sie verfolgt mit seinen lüsternen Anträgen, den sie haßte, verabscheute, — oder irgend ein anderer? Ja, hatte denn Lars allein das Recht, sie zu lieben, zu besitzen? Solange er lebte, wohl, — aber der Tote hat doch kein Recht mehr auf das Leben, — und er war ein Toter, so gewiß, als in ihm tausendfältig neues Leben sich regte.

Seit wann ist es Sitte, daß junge Frauen ewig Witwen bleiben? Er kannte zwei Familien, in denen die Brüder die Witwen des verunglückten Bruders heirateten; allgemein wurde die Heirat nur gebilligt.

Warum für ihn und Nizam ein anderes Maß? Aber wenn Lars doch noch lebte? Alles schon dagewesen — die unglaublichsten Fälle, — nun, dann wartet man noch das Frühjahr ab, den Sommer, — also das dritte Jahr. Weiter kam er nicht, dann faßte ihn das Grauen, — ehrlich gesagt, man wartet auf die Gewißheit seines Todes, — man hofft sicher darauf, man zittert, daß es anders kommen könnte. Er zittert, der Bruder! Furchtbarer Frevel!

So verging der Winter in schwerer Herzensnot, und das Frühjahr kam, ein rauhes, wildes Frühjahr, wie die Nordsee es liebt, mit Sturm und Hochflut und wochenlangen Regenschauern.

Nizam war bettlägerig, noch nie fühlte sie sich so schwach. Ein krankhaftes Sehnen überkam sie, fort, nur fort, der Sonne zu, dem Licht, der Wärme, förmliche Hallucinationen stellten sich ein, von blumigen Wiesen, blauem Himmel, von kühlenden Gewittern nach schwülen Nächten.

Knut hörte ihr oft besorgt zu. Sie war ernstlich krank, das verstand er jetzt. Und wenn er neben ihr saß, den kleinen Knut im Schoße, und beide ihren sonderbaren Erzählungen lauschten von fernen, sonnigen Ländern, der Mann und das Kind, und wenn sie dann plötzlich seine Hand ergriff und zärtlich drückte und ihn so flehend ansah, als wollte sie sagen: Komm und führe uns dahin, — da frohlockte er in seinem Innern, und er glaubte, die Sprache zu verstehen. Es handelt sich gar nicht um Sommer, Licht und Wärme, um ferne Länder, sondern um etwas ganz anderes, — um Liebe und ein treues Herz, ohne das dieses Wesen gar nicht leben konnte, danach sehnte sie sich, an dem Mangel daran starb sie noch, wenn er nicht abhalf, und er könnte abhelfen, wenn er nur den Mut hätte.

Eines Tages aber fand er den Mut.