„Das war so. Vor zwanzig Jahren,‟ begann er, „da brach ein Aufstand los da drüben in Indien irgendwo, in den Bergen. Da sind nämlich Berge, hundertmal höher, wie die höchste Woge — tausendmal, sagt der Märtens — und in den Bergen lebt ein freies, starkes Volk, das einmal vor langer Zeit die Herrschaft hatte weit und breit, bis die Engländer kamen und sie ihm nahmen. Ein tapferer Häuptling rief das ganze Volk zu den Waffen — Nena Sahib hieß er — und nun ging's los! Zuerst kriegten die Engländer ihre Hiebe. Dreitausend Engländer mit Weib und Kind wurden in einer Nacht ermordet. Dann aber kam die Rache. Die Engländer warben ein großes Heer. Der Henning war damals Vollmatrose auf einem Bremer Schiff. Das lief gerade zur rechten Zeit in Kalkutta ein. Die höchste Löhnung wurde geboten, die reichste Beute versprochen. Der Henning ließ sich anwerben von dem Engländer. Und es war sein Glück. Die Aufständigen wurden geschlagen. In einer Stadt — Dinapur heißt sie — machten die Engländer reiche Beute, jeder Soldat bekam sein Teil. Auf den Henning traf ein schönes Mädchen — die Sklavin eines Stammesfürsten, Nizam hieß sie — und, nun ja, sie gefiel ihm wohl, das schwarze Ding. Er kaufte, als der Krieg zu Ende, einen kleinen Kutter von dem Beutegeld und fuhr auf eigene Rechnung. Die schöne Nizam nahm er mit an Bord, und dort schenkte sie ihm das Mädchen; fünfzehn Jahre ist es alt, sagt Märtens.‟

„Fünfzehn Jahre?‟ Grete kicherte mit den Mädchen, „also noch schulpflichtig!‟

„Und was war denn mit dem Henning?‟ meinte einer der Männer. „Wo steckt jetzt die reiche Beute von — ich weiß nicht, wie du das nennst — Senk—‟

„Die Beute von Dinapur? Die liegt jetzt auf dem Meeresgrund, da bei dem Kap der guten Hoffnung irgendwo, samt der schönen Nizam. Das Mädel ist wohl das einzige, was er davon mit heimgebracht! Darum schon, dächte ich — was lacht ihr denn? Ist da etwas zum Lachen, zum Spötteln?‟

Lars' Antlitz, dessen mädchenhafte Weiße ein leiser Flaum um Lippen und Kinn zu vergolden begann, rötete sich im Unmut über die völlig unerwartete Wirkung seiner tragischen Erzählung.

„Was willst du denn eigentlich mit dem Kind,‟ fragte die Mutter erstaunt, „daß du dich so ereiferst darum?‟

„Was ich damit will?‟ Er erhob sich jäh. „Schützen will ich es gegen allen Hohn und Spott, der ihr hier droht; jawohl, das will ich, verlaßt euch darauf!‟

Jetzt war er zum Küssen schön, der Lars! Wie ihm die blonden Locken in die weiße Stirn hineinfielen, und in den sonst so sanften blauen Augen ein seltsames Feuer sich entzündete.

Die Mädchen lachten nicht mehr, nur Grete konnte jetzt ihren Unmut erst recht nicht unterdrücken.

„Lächerlich! Wer wird denn so ein Püppchen kränken. Die läuft uns allen gut!‟