Als Kwing in den ersten Tagen nicht zurückkehrte, ging Sorong in zwei Böten wiederum auf die Vorzeichensuche.
Da der Häuptling im Fall des Todes seines Sohnes überhaupt nicht hätte reisen dürfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April selbst nach Long ’Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschäftigt, Kwings Gepäck für die Rückreise in die Böte zu laden; auch war im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich, dass man ein grosses Beschwörungs- und Genesungsopfer (e̥nah abei) gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfüllt waren. Von dem Rest der schönen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange nötigen und zwar nicht nur, um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte.
Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurück, wo ich zu meinem Verdruss hören musste, dass ein neunjähriges Mädchen, das die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, plötzlich erkrankt und gestorben war. Wahrscheinlich hätte ich dem Kinde nicht helfen können und die Kajan trösteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht über irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern getötet worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber für geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle vor Vergiftung gefürchtet hätten.
Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet war, weder an den Böten noch an der Reiseausrüstung arbeiten, auch liess Kwing Irang den Sorong, der bereits einen günstigen Vogel gesehen hatte, zurückrufen, da die Vogelschau in diesem Fall lāli war. Der Häuptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die Leiche in einer Felsenhöhle (liang) beizusetzen und ihr nicht erst, wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Hütte zu bauen, was lange gedauert hätte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall wieder zwei Tage.
Darauf begannen Kwing und sein Sohn Bang wirklich eifrig an ihren Böten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel; zugleich wurde Sorong wiederum auf die Vogelschau geschickt, die ihn allmählich zu langweilen begann. Sorong war nämlich ein in der Jugend geraubter Kahájan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich er beim Häuptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert beilegte; nur äusserte er hierüber nie seine Meinung.
Am 10. April langte Akam Igau mit den Seinen unerwartet bei uns an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mühevolle und lange Rückreise gehabt. Nachdem sie die Wasserfälle passiert hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nächte in Long Tĕpai zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf die Vogelschau ausgegangen war.
Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und Bier bereits nach Long Dĕho gereist waren, aber dass sich Bang Jok einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien mir Bang Joks Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Häuptling vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht vor Kutei dabei vergass. Bang Joks wurde auch sogleich von dem Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt, wo wir ihn später trafen.
Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie daher nur mit Mühe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um unsere Briefe mitzunehmen. Da Kwing in seinem neuen Hause noch keine Gäste empfangen durfte, übernachteten sie in Long Bulèng. Am anderen Tag kam Sorong endlich melden, dass die wichtigsten Vögel ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gespräch mit dem Häuptling äusserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen sollten, ein me̥lo̱ njaho̱ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man mein Gepäck in die Böte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete es mich einige Selbstüberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber da Kwing Irang die Sache für wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei Tage darauf wurden morgens alle Böte zu Wasser gelassen und mit Reis, Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese plötzlich in grosser Hast alles Gepäck wieder den hohen Uferwall herauftragen sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre Handlungsweise erschien mir unerklärlich, aber gleich darauf teilte man mir im Namen von Kwing Irang mit, dass von einer Abreise keine Rede sein könne, weil einer ihrer wahrsagenden Vögel, noch dazu der hisit, erst über das Haus und dann sogar durch das Dach ins Haus geflogen sei. Für den Anfang einer Reise war dies ein äusserst ungünstiges Zeichen, daher musste nach einem me̥lo̱ njaho̱ von vier Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der adat keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nächsten Neumond (bulan pusit) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu viel zumuten und ich erklärte Kwing, dass ich mich von Akam Igau, der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tĕpai werde bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat weiter nach Long Dĕho zu gehen.
Kwing zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine eigenen Leute mich nach Long Tĕpai bringen würden, unter Anführung des alten, halb blinden Priesters Bo Jok, der die Long-Glat über den Stand der Dinge aufklären sollte.
Kwings Vorschlag passte mir um so besser, als Akam Igau sich nicht gern noch länger aufgehalten hätte. Er trat denn auch wirklich am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft mit Salz versorgt hatten.