So wurde zum Schluss nicht nur der Mahakam mit seinen wichtigsten Nebenflüssen oberhalb der Wasserfälle mit dem dazwischenliegenden Gelände auf die Karte gebracht, sondern dadurch, dass die Aufnahme an 2 Stellen mit der des Kapuasgebiets in Verbindung gebracht und der Mahakam selbst bis zu dem astronomisch bestimmten Punkt Ana sorgfältig gemessen wurde, kam eine Messung von West nach Ost quer durch die ganze Insel zu Stande.
Sowohl wegen der allgemein herrschenden Auffassung, es sei die Ausbreitung einer europäischen Macht unter niedrig stehenden Völkern mit dem Gebrauch von Waffengewalt untrennbar verbunden, als wegen der irrtümlichen, oft zu unnützem Blutvergiessen führenden Vorstellung über das Wesen unkultivierter Völker, diejenigen des indischen Archipels, besonders die Dajak, nicht ausgenommen, erscheinen mir die Ergebnisse meiner Reisen auf kolonialpolitischem Gebiet und dem der psychologischen Völkerkunde am wertvollsten. Da nur auf einen richtigen Begriff von den bestehenden Zuständen eine rationelle Kolonialverwaltung begründet werden kann, sind die in den [Kapiteln XVI] und [XVII] gegebenen Ausführungen über den Charakter der dajakischen Stämme und ihrer Gemeinwesen direkt von praktischem Wert. Die bei der Ausrüstung und Ausführung meiner Reisen als Leitschnur dienende Anschauung, dass man es auch bei den Dajak im Grunde mit friedliebenden Ackerbauern zu tun hat, die einem eher durch Angst und Misstrauen als durch ein böswilliges Auftreten gefährlich werden, falls man ihnen nicht selbst hierzu Veranlassung bietet, haben die Ergebnisse meiner Reisen als durchaus richtig erwiesen. Die Reise 1893–94 wurde allerdings unter dem Schutz bewaffneter Malaien angetreten, jedoch ohne denselben beendet, nachdem er sich als überflüssig erwiesen hatte. Auf Grund der gesammelten Erfahrungen führte ich die erste Reise quer durch die Insel (1896–97) mit Hilfe der Bahau selbst aus, in Gesellschaft von 2 Europäern und 3 Inländern, von denen nur erstere ein Gewehr zu handhaben verstanden. Auch die letzte Expedition trug völlig den Charakter einer Reise unter einer friedfertigen Landbevölkerung; allerdings war, hauptsächlich im ersten Jahr, auch an eine Verteidigung gegen Überfälle einzelner Individuen gedacht worden; im übrigen war diese Expedition aber ganz auf die Hilfe der Eingeborenen selbst angewiesen gewesen. Mit welcher Gewissenhaftigkeit diese geleistet wurde, geht daraus hervor, dass trotz der jahrelangen Dauer der Reisen in den für Europäer und Javaner so unwirtsamen Wäldern keiner der Reisegenossen einem Unglücksfall erlegen ist und alle in guter Gesundheit heimgekehrt sind. Von nicht geringerer Bedeutung ist ferner, dass dieser friedsame Verkehr mit der Bevölkerung auch zu einer friedsamen Besetzung des bis dahin gänzlich unbekannten östlichen Teils von Mittel-Borneo geführt hat.
Anderen Ortes ist bereits angeführt worden, dass die Einsetzung eines niederländischen Beamten am mittleren Mahakam ohne Schwierigkeiten stattfand; die Notwendigkeit dieser Massregel bewiesen die Ordnung und der Frieden, die nach seiner Ankunft in den sehr verwirrten Zuständen am Mahakam eintraten. Seitdem haben die Ereignisse am Mahakam selbst und im Baritogebiet gezeigt, dass diese auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedürfnisse der Mahakambevölkerung begründete Verwaltung ohne die Stütze besonderer Personen oder einer bewaffneten Macht vor sich geht. Die ursprüngliche Anzahl malaiischer Schutzsoldaten in Long Iram wurde in den folgenden Jahren nur unwesentlich erhöht und nur an der Mündung des Blu-u wurde ein aus einer kleinen Anzahl bewaffneter Malaien bestehender Posten eingesetzt, über den unser Reisegenosse Suka den Oberbefehl erhielt.
Kurz nach meiner Abreise bestand die neue Verwaltung eine schwere Prüfung durch den noch im Jahre 1901 erfolgten Tod Kwing Irangs; man fürchtete anfangs, dass dieses Ereignis die Gesinnung der Häuptlinge oberhalb der Wasserfälle verändern könnte. Diese Furcht war jedoch unbegründet; während des heftigen Kampfes, der in den Jahren 1902–03 das benachbarte Baritogebiet in Aufruhr brachte, verhielt sich das Mahakamgebiet durchaus ruhig und war auch kein militärisches Einschreiten notwendig.
Das neue Verwaltungszentrum in Long Iram erhält nicht nur einen erträglichen Zustand bei den Stämmen längs der sĕrawakischen Grenze aufrecht, sondern ist auch für eine friedliche Entwicklung des tiefer gelegenen Mahakamgebiets von hoher Bedeutung. Die grösste Schwierigkeit bei einer Kriegsführung mit dem meistens viel schwächeren inländischen Feinde, wie den malaiischen Fürsten, besteht in seiner Gewohnheit, stets tiefer in das für Europäer schwer zugängliche Binnenland zu entweichen und bei den dort wohnenden Stämmen, die mit unseren Warfen noch nicht in Berührung gekommen sind, Hilfe zu suchen. Durch dieses ständige Zurückweichen hat z.B. die Sultansfamilie im Baritogebiet beinahe 50 Jahre den Niederländern Stand halten können. Da die Verwaltung des Mahakamgebiets sich auf die Bahau stützt, ist den Malaien jetzt das Zurückweichen unmöglich gemacht worden.
Dass das neu eingenommene Gebiet in Zukunft nicht nur tatsächlich, sondern auch formell dem Einfluss des kuteischen Sultanshauses entzogen werden wird, indem dem Fürsten eine bestimmte Summe für seine Ansprüche bezahlt werden soll, ist eine vorzügliche Massregel, die nicht verfehlen wird, einige noch widerstrebende Bahaufürsten, wie Bang Jok, der sich auf seinen dem Sultan abgelegten Eid beruft, zum Einlenken zu bringen.
Auch die unter den Kĕnja erreichte Ausbreitung der niederländischen Macht erwies sich später als dauerhaft. Im Jahre 1902 wurde dem Kontrolleur vom Berau E.W.F. van Walchren aufgetragen, von dort aus einen Zug nach Apu Kajan zu unternehmen. Eine Gesellschaft der Kĕnja Uma-Tow, die sich gerade am unteren Berau befand, geleitete ihn diesen Fluss aufwärts und brachte ihn über einen hohen Bergrücken an die Mündung des Kajan Ok in den Kajan, von wo sie nach einigen Tagen die Niederlassung der Uma-Lĕkĕn erreichten. Während seines 6 monatlichen Aufenthahs unter den Kĕnja befestigte Herr Van Walchren die von uns früher bereits angeknüpften Beziehungen und kehrte in Begleitung der Uma-Tow längs des Boh und Mahakam an die Ostküste zurück. Auch damals zeigte es sich, dass das Verhältnis zu den weiter unten am Kajanfluss wohnenden Kĕnja und Bahaustämmen viel zu wünschen übrig liess. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 1905 Herr Van Walchren nochmals beauftragt, den Kajan von Tandjong Seilor aus hinaufzufahren, um zwischen den Kĕnja oberhalb der Baröm (Wasserfälle) und den Uma-Alim am Pĕdjungan eine Versöhnung zu Stande zu bringen. Die Niederlassungen der letzteren wurden zwar erreicht, jedoch verhinderten Krankheit und schlechte Vorzeichen die Erfüllung des Auftrags, so dass der Kontrolleur unverrichteter Sache wieder zurückkehren musste.
Eine anziehende und für den Verfasser charakteristische Beschreibung der Reise des Herrn Van Walchren zu den Kĕnja hat einer der Teilnehmer an der Expedition, der inländische Arzt J.E. Tehupeiory veröffentlicht. Das in holländischer Sprache verfasste Werk erschien unter dem Titel: “Onder de Dajaks van Centraal-Borneo” bei der Firma G. Kolff & Co. in Batavia, 1906.
Es wird manchen Leser vielleicht interessieren, etwas über die Kosten derartiger langdauernder Expeditionen zu erfahren. Für meine letzte 2 Jahre und 8 Monate währende Reise bewilligte mir die indische Regierung einen Kredit von 53.000 Gulden, von denen ich 50.000 gebrauchte. Die Summe ist hoch, aber die wissenschaftlichen Expeditionen, welche in den letzten Jahren nach Niederländisch-Indien ausgerüstet wurden, kosteten, besonders mit Rücksicht auf ihre viel kürzere Dauer, erheblich mehr, dasselbe gilt für die militärischen Expeditionen, welche lange Zeit unterhalten werden müssen, um in einem so grossen Gebiet eine politische Machtentfaltung zu bewirken. Das in diesem Fall erhaltene Resultat ist oft eine zwar unterworfene, aber verbitterte Bevölkerung, deren Sitten und Gewohnheiten nur äusserst oberflächlich bekannt geworden sind und die in der ersten Zeit nur durch eine kostspielige militärische Besatzung in Schranken zu halten ist.